Das Bayern Puzzle

Also hier mal was, das ich wirklich diskutieren möchte. Keine falsche Fahne: ich bin Bayern Anhänger und Nagelsmann grundsätzlich wohlgesonnen.
Ich mache mir um zwei Sachen Gedanken, und beide sind in einer Art miteinander verbunden. Der Anspruch der „Intensität“ (den Nagelsmann an die Manschaft stellt, und die von manchen belächelt wird) und der bestmögliche Einsatz des Kaders.
Es gibt einige Podcasts, die mit der von Nagelsmann eingeforderten „Intensität“ nichts anfangen können und es fast schon humoristisch abtun. Für mich ist es relativ klar: im eigenen Ballbesitz gibt es (vor allem, aber nicht nur) für die (ballfernen) Spieler Vorgaben, welche Räume aktiv zu besetzen sind; wenn der Gegner den Ball bekommen hat, muss sofort orchestrierter Druck ausgeübt werden um (a) den Ball zurück zu gewinnen oder (b) den Gegner zu einem suboptimalen Pass zu zwingen, der keine gefährliche Angriffssituation wahrscheinlich macht (Rückeroberung oder - torfernes- Chaos).
Zugleich braucht es Variabilität im kreieren von Chancen und Ruhe /Kaltschnäuzigkeit im Abschluss.
Kontersituationen können nicht ausgeschlossen werden („… aber die Verteidigung beginnt vorne ……“) und die Verteidiger sollen positioniert sein und voll wach (ähnlich einem Neuer, der vielleicht im Spiel drei mal die Hände an den Ball kommt, aber dann voll da sein soll), und die Endverteidigung gut lösen. Also kurz: Positionsspiel, Intensität und „wach“ / „klar“ sein („wenn Du was machst, mach es richtig“). Und hier denke ich ist das Problem: Die Intensität, wie ich sie von Nagelsmann gefordert sehe, macht die Offensiven Spieler zu einseitig zu den Akteuren (die Defensiven sollen Position halten/finden und „wach“ sein), und gibt den Offensiven keine Luft um „frisch“, „wach“ , „klar“ zu sein (also keine Entschuldigund in den ersten 30 Minuten, wohl aber in den letzten 15 Minuten der ersten und 25 Minuten der zweiten Halbzeit). Und die Schraube (eindimensional) immer weiter Richtung „mehr Intensität“ zu drehen finde ich fraglich. Und hier meine mögliche Lösung: denk mehr Ziehharmonika als Dudelsack. Vielleicht tut Julian es ja schon, aber ich erkenne es noch nicht (und unter anderem hier wäre ich froh um andere Meinungen aus dem Forum - ich beschreibe hier was ich denke ohne Anspruch auf Alleinwissen). Ich finde neben der absoluten Gegenpressing-Intensität; sollte es noch eine (kann später auch auf weiter entwickelt werden) andere Default-Spielanlage gebe, in der die Defensivakteure die Hauptdarsteller sind, und die offensiven Spieler Position halten und „regenerieren“ können (denk Ziehharmonika nach aussen ziehen); also nicht „voll drauf“, sondern bewusst Räume öffnen, die nicht weh tun, die Gegner locken aus dem “Bus“ auszusteigen und vor allem den (2-3 der) 4 Stürmern die Zeit zu geben, das System mit Sauerstoff zu füllen, um - wenn es los geht - voll da zu sein, mit Speed, Entscheidungsklarheit, Ruhe.
Ja, der kollektive Gangwechsel klappt nur wenn alle mitspielen, aber ich könnte mir Kimmich in der Rolle des Orchestrator eben dieser Ziehharmonika wirklich gut vorstellen. Und ich glaube wirklich, dass ein von Spiel zu Spiel nach Intensität rufen auf Dauer wenig sinnvoll ist. Gegen Barca , Real, Inter, Juve, die Englischen Topclubs kann man das wohl einfordern, aber selbst da ist eine Einbahnstrassenintensitär nicht optimal. Wenn die Manschaft es schaft: Intensität auf Knopfdruck und Sichere Passivität auf Knopfdruck in einem Spiel im selbst bestimmten Wechselspiel hinzu bekommen, zB (keine Herablassung) gegen Herta, dann kann sie auch gegen Lissabon, Atletico oder Villareal das Spiel variieren und selbst gestalten. Ist nicht dies das ultimative Ziel der Bayern: nicht den Ballbesitz zu maximieren, sondern das Spiel in den verschiedenen Phasen im Griff zu habe und (aktiv selbst) zu gestalten?
So- und hier die Überleitung zur Kader-Harmonie. Zu Beginn der Saison dachte ich, dass es schon fast Unfair ist, dass sich die 5 Spieler Auswechlungsreglung nun permanent etabliert hat. Ich finde Herr Nagelsmann könnte hiervon mehr Nutzen ziehen. Nach 8 Spielen scheint es klar, das es als Plan B nach „L*” mehrere Sturmaufstellungen geben kann. Und hier wäre doch eine fantastische Möglichkeit, dass Nagelsmann mehr als einen Standard Sturmaufstellungen hat; er bleibt beim 4 3*2 und Tausch per default 4 der tripple 2 aus und hast noch eine situationsbedingte Wechseloption. Also nicht Mané, Gnabry, Sane, Tel, Musiala, Müller immer wieder munter durchmischen, sondern Pärchen bilden, was auch auf Mittelfeld und Schinenspieler/Aussenverteidiger mit einschliesst. Ribery konnte auf links richtig gut mit Alaba, vielleicht kann ein Mané besser mit Davis, ein Coman mit Pavard, ein Mazroui mit einem Gravenberg mit einem … Den Bogen schliessend: wenn alle wissen, was sie machen sollen wenn man dem Gegner den Ball überlässt, und (in der Mittelfeldgrundstruktur) zu tun ist, wenn der Taktgeber (Kimich/Goretzka in Kombi mit Müller -wer noch vorne/ ist Musiala noch zu Jung als Taktgeber?) die Komandos gibt: “jetzt Defence // jetzt Vollgas!“; wenn also die Grundmechanismen der Ziehharmonika klar sind, dann sollte man meiner Meinung nach in der Regel 2 Päärchen zur 60. Minute einwechseln können. Ein Gravenberg würde regelmässig mindesten 30 Minuten bekommen (und mit zumindest einem Quartet spielen, das er gut kennt), das gleiche gilt für Tel, Mazraoui, Sabizer, Goretzka, Stanisic , Chupo- Moting (ich hab bestimmt noch welche vergessen). Durch Bundesliga, Champions Leauge und DFBPokal müsste es hier nicht notwendigerweise ein A und ein B Team oder sogar „Päärchen“ geben, sondern situationsbedingt könnten mal die einen, mal die Anderen 60 oder 30 Minuten spielen. Und hier ein weiterer Effekt: klar ist es normalerweise nicht ideal, zu viel zu wechseln, aber wenn Du eine eingespielte (frische) Sturmreihe bringst, (oder eine ganze Seite) die nach hinten funktionieren und nach vorne etwas neues bringen, dann hast Du die Chance eine neue Schwachstelle des „“Busses“ zu bespielen. Die Ziehharmonika ist wieder frisch wenn Druck aufgebaut wird, fällt aber auch nicht auseinander wenn zum Luftholen auseinander gezogen wird. Und Nagelsmann müsste nicht eine „Wunschoffensive“ haben „wie er sich sein Spiel vorstellt. Manche Päärchen könnten besser über Aussen, hinterlauffen, Grundlinie funktionieren, ander Päärchem besser über Schntstellepässe ander über Chippässe etc.
Und endlich: Glattbach und Union haben beide gezeigt, dass immer mehr vom selben nicht unbedingt hilft: wenn man durch Intensität erreicht hat, den Gegner hinten hinein zu drücken, und keine Tore scheisst, dann fühlt sich die Abwehr irgendwann auch wohl. „Sollen sie doch kommen, das bekommen wir schon wegverteidigt“. Durch mehr Intensität bekommst Du dann nicht mehr Platz. Höchstens mehr lange Bälle, härteres Einschreiten und mehr Simulationsumdrehungen nach vermeintlichen Fouls.
Ich finde Herr Nagelsmann hat die Qualität im Kader, um einen in der Intensität mehrdimensionalen Fussball spielen zu lassen und täte gut daran, in Form von Päärchenbildung eine eingespielte Variabilität ins Angriffspiel zu bringen, welches guten Jungstern veritable Einsatzzeiten geben würde.
Eine Randnotiz: Ich fand, dass Herr Nagelsmann schon letztes Jahr Musiala zu wenig hat spielen lassen. Es kann natürlich sein, dass Musial jetzt auch deshalb so phantastisch ist, weil er aufgrund der reduzierten Einsatzzeiten um so härter an sich gearbeitet hat. Dies würde meiner These wiedersprechen und Nagelsmanns recht geben in seiner vermeintlichen „Taktik“: „Kimmich, Mané und Müller spiele immer, die anderen müssen Grass fressen“ (die Härte der Formulierung dient der Veranschaulichung). Also es gibt auch Mittel/längfristigere Dimensionen.

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Interessant ist, dass bei dem was du am Anfang geschrieben hast, mich viel an einen Artikel aus the Athletic zu Liverpool erinnert und es schon fast 1 zu 1 nach dem klingt, was Klopp als Grund für deren Probleme dieses Jahr beschreibt.
Sie spielen ein bestimmtes Spiel, was auf aggressives Anlaufen ausgelegt ist. Dabei entstehen Lücken, wenn du aber schnell und konzentriert genug bist, dann ist das nicht weiter schlimm. Wenn du das aber nicht bist, können die Gegner das ausnutzen.
Hinzu kommt, dass manche behaupten das Spiel „entschlüsselt“ zu haben, weil es eben keinen Plan B gibt.
Woran ich bei deiner Idee auch denken musste ist, dass Klopp gerade sagt, dass sie gar keine Zeit haben etwas anderes einzustudieren. Plan B muss sein Plan A wieder besser zu machen und nicht was Neues erfinden.
Und ich denke das sieht man sehr auch bei Bayern.
Interessant ist halt, wie so oft, dass sie sich dann gegen Gegner die auch offensiv mitspielen möchten, leichter tun als gegen Gegner, die mehr versuchen sie zu verhindern. Gegen Mannschaften die tief stehen musst du halt brutal schnell und präzise sein um durch die Mitte zu kommen, was ja Nagelsmanns Art ist wie er spielen lassen möchte. Und das fehlt momentan.
Ich finde auch, dass allgemein was Pässe angeht da sehr oft die Konzentration fehlt. Speziell im letzten Jahr gegen Sevilla ist mir aufgefallen wie schnell und stramm die Pässe der Spanier gespielt wurden. Mir ist da erst wieder eingefallen, dass Bayern das ja auch mal konnte. Mittlerweile kommen Pässe nicht immer an, weil sie entweder nicht stramm oder genau genug gespielt werden, Bälle verspringen gefühlt sehr oft und oft werden Bälle anstatt in den Lauf entweder viel zu steil oder in den Rücken gespielt. Also zumindest kommt es mir so vor ohne das ich dazu irgendwelche Daten hätte.
Und wer mir dabei besonders negativ auffällt ist halt wirklich Kimmich. Der spielt nicht mehr so bombenstark wie in den letzten Jahren. Das kommt mir teilweise sehr arrogant vor. Und dann eben noch so Aktionen dass er bei einer Berührung in die Knie geht und auf Freistoß hofft anstatt um den Ball zu kämpfen. Das verstehe ich absolut nicht.

Wie gesagt, sind nur einige Eindrücke, die ich persönlich habe. Mag sein, dass es auch nur meine eigene Warnehmung ist und mich Daten oder jemand mit mehr Sachverstand Lügen strafen kann.

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Danke für den Beitrag. Könntest Du den Athletic Artikel verlinken (darf man das hier-bin noch neu).
Mit Kimmich hast Du nicht ganz unrecht; letztes Jahr hat der Guardian (UK) noch davon gesprochen, dass das letzte mal als Kimmich einen Zweikampf um einen Ball verloren hat war, als er ihn gegen seinen Sohn verlieren wollte. Aber das kann man dieses Jahr leider nicht mehr behaupten…
Zu meinem zweiten Punkt: ich sehe heute schon wieder eine wahrscheinliche Aufstellung der maximal längst gedienten. Ich würde schon hoffen, dass Nagelsmann einen Weg findet, den Jungen Spielzeit zu geben und Selbstbewusstsein einzuflössen.

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Es war dieser Artikel: Liverpool are defensively vulnerable and lack control – is it time for Klopp to change approach? - The Athletic

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Zum Thema Wechsel während eines Spiels gibt es eine tolle Präsentation von Nagelsmann selbst. Es geht darum wie Trainer Dynamiken vor und während eines Spiels durch Kaderzusammenstellung und Wechsel beeinflussen können:

ITK 2019 Julian Nagelsmann Trainer RB Leipzig

Ich denke da kommt nochmal ganz gut rüber was für ein komplexes System eine Fußballmannschaft ist.

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Danke, finde ich sehr interessant! Eine spontane Frage, die mir kommt: ist 5 Spieler einwechseln können statt 2/3 einfach nur mehr von der selben Entscheidung oder gibt es darüber hinaus noch weitere Aspekte/ neue Möglichkeiten?