Hertha BSC - Sammelthread

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Und da ist es passiert! Die Mannschaften an der Spitze patzen, sowohl Bayern als auch Dortmund lassen wichtige Punkte liegen. Die Möglichkeit für Hertha, den Fauxpas der Etablierten auszunutzen, und das Rennen um die Spitze zu einem spannenden Dreikampf zu erweitern. Hmm, oder so ähnlich…

Abseits, des oftmals unterstellten Berliner Größenwahns, ist die Hertha mittlerweile ordentlich in die Rückrunde gestartet und konnte mit einem Sieg gegen die Eintracht den Klassenerhalt feiern (und tat dies auch, mit der Mischung aus Stolz, Ernst und Ironie, mit der man als drittplatzierter Abstiegskandidat einen Klassenerhalt am 24. Spieltag feiern kann.) Eine Entwicklung, die noch immer überrascht, hätten vor der Saison die Hertha-Fans, der Autor dieses Beitrags und, im Geheimen, selbst Vereinsverantwortliche ihren Club wohl nur wenige Plätze besser eingeordnet als der bekennende Hertha-Hasser @GNetzer.

In momentanen Einschätzungen zur Hertha halten sich die Faktoren „Glück“, „Schwäche der Anderen“, „Anpassungen an den Gegner“ und „die machen das einfach richtig gut“ in ungefähr die Waage. Als zentrale Spieler werden häufig Kalou, Darida und Weiser genannt. Damit bin ich nicht komplett zufrieden, denn es unterschlägt meiner Meinung nach den charakteristischsten Aspekt des Berliner Spiels, den Grund, warum Hertha-Spiele mittlerweile erfolgreich, aber dennoch selten schön anzuschauen sind: die konsequente Vermeidung bzw. Verhinderung von gegnerischen Umschaltaktionen.

Aus einer Bundesliga, in der ein Großteil der Mannschaften viele ihrer Tore aus Balleroberungen und schnellem Umschalten erzielen, hat Pal Dardai (?) die Konsequenzen gezogen. Er gestattet es nicht und lässt es unterbinden. (Analysedaten*). Hertha hat die wenigsten Gegentore nach Ballverlusten kassiert (1) und die zweitwenigsten Kontergegentore (2, nur die tiefstehenden Darmstädter waren besser). Hertha baut sehr vorsichtig und gemächlich auf, sind alle Wege zugestellt folgt der lange Ball. Beide Innenverteidiger und ein, oft sogar zwei, zentrale Mittelfeldspieler sichern ab. Sehr kontrollierte Offensive. Die Folge: Hertha hat gegen spielerisch überlegene Teams kaum etwas zu melden (Niederlagen in München, Dortmund, Gelsenkirchen, Wolfsburg und zuhause gegen Mönchengladbach), gegen Mannschaften, die eher gegen den Ball arbeiten bzw. weniger Qualität im Aufbauspiel haben gelangen in 18 Spielen 12 Siege und 6 Unentschieden mit einem Torverhältnis von 1,67:1. Die Ausnahme dieser Regel bildet der 21. Spieltag gegen Stuttgart (obwohl der VfB zu diesem Zeitpunkt sehr viel spielerische Qualität zeigte, und deshalb vielleicht gar nicht als Ausnahme zu sehen ist): Im dritten Spiel in 8 Tagen, fehlten merklich Kraft und Konzentration präzise aufzubauen und aufmerksam abzusichern. Beide Tore der 2:0-Niederlage fielen nach Ballverlusten im Aufbauspiel.

Hier ein Versuch Herthas Taktik grob im Schema des SEGA Football Managers nachzustellen. Sollte grundlegende Dynamiken verdeutlichen.

------------------------------------------Ibisevic AF (a)
----------------Kalou T (a)-----------Darida RPM (s)-----------Haraguchi DW (s)
--------------------------Skjelbred BWM (s) – Lustenberger DM (d)
Plattenhardt WB (s) – Brooks BPD (d) – Langlkamp CD (d) – Weiser CWB (a)
--------------------------------------------Jarstein SK (d)

Lediglich Daridas Rolle ist nicht akkurat abzubilden. Im Aufbauspiel gibt er zeitweise einen zurückgezogenen Spielmacher, in der Arbeit gegen den Ball einen Defensivstürmer in einer kompakten 4-4-2-Formation.

Aufbauspiel: Hertha ist zu Beginn einer Partie merklich darauf bedacht Ballbesitz zu haben und im Spiel das eigene (langsame) Tempo zu diktieren. Die Innenverteidiger fächern sehr breit auf, die Außenverteidiger schieben sehr hoch, der Torwart wird miteinbezogen, ein Mittelfeldspieler besetzt den Sechserraum, manchmal lässt er sich noch weiter fallen und es wird kurzzeitig eine Dreierkette gebildet. Meistens lässt der Sechser den Ball jedoch direkt prallen, wodurch die gegnerischen Stürmer herausgelockt werden sollen. Es gibt 4 Spieler die diese Rolle ausfüllen: Meistens Lustenberger und Skjelbred, häufig Darida, selten Kalou(!). Bei erfolgreichem Aufbau wird über die Außenverteidiger weiterkombiniert, wenn der Gegner zu gut presst folgt irgendwann der lange Ball von Jarstein auf Ibisevic und der Kampf um den zweiten Ball. Bei Rückstand oder Gleichstand hat Hertha meist viel Ballbesitz, in Führung liegend verhält sich die Mannschaft passiver. Dies ergibt den siebtmeisten Ballbesitz zur Hinrunde (49%, aktuell 50% auf whoscored.com) und die sechstbeste Passquote (79%).

Gegen den Ball: Bei Ballbesitz steht Herthas Viererkette hoch. Nach Ballverlusten hat sich mittlerweile ein relativ stabiles Gegenpressing der gesamten Mannschaft für einige Sekunden etabliert. Schlägt dieses fehl, zieht sich die Mannschaft zurück und steht deutlich tiefer als Mannschaften in vergleichbaren Tabellenregionen. Die Stürmer attackieren etwa ab der Mittellinie, aber nicht in größter Intensität, sondern mehr leitend. Die Räume zwischen den Linien sollen eng bleiben, zentrale Mittelfeldspieler und Innenverteidiger rücken aggressiv auf den Ballführenden heraus, auf den Flügeln wird, wenn möglich, gedoppelt. Auf diese Weise kassierte Hertha bis zur Winterpause nach Bayern die zweitwenigsten Gegentore (18), der kompakte Block verdichtet das Zentrum und ließ nur ein Weitschussgegentor zu, ein Spitzenwert. Die Gegner werden auf die Außen geleitet, wo Ballgewinne provoziert werden sollen, Hertha ließ dabei immerhin die drittmeisten Flanken zu (179), aber verteidigte sie offenbar ausreichend gut.

Personal: Herthas große defensive Stabilität liegt vor allem in der personellen Besetzung des flexiblen, zentralen Mittelfelds begründet (Dardai: “schiefes Dreieck”). Lustenberger, Skjelbred und Darida sind allesamt Spieler die in der Lage sind, als 6er, aber auch als 8er zu spielen; also defensive Stabilität zu wahren und gleichzeitig Impulse nach vorne zu setzen. Darida spielte in Tschechien auch durchaus als 10er, in Freiburg als hängende Spitze; Skjelbred gibt in der norwegischen Nationalelf den rechten Mittelfeldspieler und Lustenberger ist der Spieler, für den Favre den Begriff “polyvalent” in die Bundesliga einführte: Er spielte für Hertha schon jede Position außerhalb von Tor und Sturm - in jungen Jahren, wenn auch nicht häufig, als offensiver Mittelfeldspieler in Verein und U21. Kein Verein außer vielleicht Ingolstadt hat 3 so auf die defensive Stabilität fokussierte Mittelfeldspieler, die gleichzeitig einen konstruktiven Spielaufbau betreiben können.
Es gibt einen Spieler den Hertha aktuell nicht ersetzen kann. Damit meine ich nicht Kalou, den aktuell besten Hertha-Spieler, der mit Dribblings glänzt, wie man sie seit Raffael und Marcelinho nicht gesehen hat, und auch nicht Mitchell Weiser, den Rechtsverteidiger mit den momentan vielleicht dynamischsten Offensivläufen der Liga, sondern: Vedad Ibisevic.
Hertha litt in der abgelaufenen Saison nach dem Weggang von Adrian Ramos neben vielen anderen Dingen am Fehlen eines Zielspielers. Hertha brauchte für ihr Spiel einen Spieler der mit dem Rücken zum Tor Bälle annehmen, sichern und weiterverarbeiten kann - und benötigt ihn bis heute. Kalou, als Ersatz für Ramos verpflichtet, stellte sich als für diese Rolle gänzlich ungeeignet hinaus. Er spielte auch deshalb eine bescheidene erste Bundesligasaison, weil er falsch eingesetzt und seiner Stärken beraubt wurde. An der Seite von Ibisevic kann er eben diese hervorragend einbringen. Ein Ausfall Kalous hätte einen deutlichen Qualitätsabfall zufolge, doch Ibisevic - auch vor dem Hintergrund der langen Verletzungspausen von Schieber und Allagui - ist systemrelevant.

Glück: Häufig wurde Herthas gute Platzierung mit der sehr guten Chancenverwertung erklärt und in der Tat hatte Hertha die wenigsten Torschüsse aller Bundesligisten (158). Dies sagt allerdings nichts über die Qualität der Chancen aus. Hertha gibt 70% der Abschlüsse aus dem 16-Meterraum ab (whoscored.com), das ist der höchste Wert aller Bundesligisten! (Zum Vergleich: Bayern 66%, Dortmund 68%, Barcelona 71%). Dardai hat vor der Saison seiner Mannschaft eine gedankliche Brücke mit auf den Weg gegeben, um geduldiger zu spielen. Er verlangt eine Chance alle sieben Minuten. Diese Zeit haben sie, und diese Zeit nehmen sich die Spieler. Sie erspielen sich nicht viele Chancen, aber gute.
An einer anderen Stelle zeigt sich allerdings das Glück desjenigen, der oben in der Tabelle steht: Hertha hatte die meisten Alutreffer aufs eigene Tor (10). In den letzten Siegen gegen Köln und Frankfurt profitierte sie außerdem von zweifelhaften bzw. falschen Entscheidungen der Schiedsrichter. Nun sind solche Einflüsse nur sehr schwer objektiv einzuschätzen und kaum gegeneinander aufzurechnen, ich möchte trotzdem kurz, auch wenn ich mich dafür schäme, die wahre Tabelle anführen, um einen Punkt zu verdeutlich. In dieser Tabelle werden falsch entschiedene Abseitssituationen vor Toren im Endergebnis bereinigt und potenzielle Elfmetersituation von angemeldeten Usern bewertet und, so elfmeterwürdig, als Tor aufs Endergebnis heraufgerechnet. Insgesamt ein ziemlicher Mist, dennoch eine ungefähre Aussage darüber, ob Hertha bei torrelevanten Szenen tendenziell eher bevorteilt wurde. Hertha hätte laut dieser Seite 9 (!) Punkte mehr haben müssen, bei weitem die meisten von allen Bundesligisten. Ich finde, auf dieser Grundlage kann man Schiriglück als Erklärung dafür, dass Hertha so weit oben steht, ausschließen (oder die bewertenden User auf der Seite sind Hertha-Sympathisanten).

Und sonst so: Hertha erzielt auch Tore durch Spieler, die man nicht unbedingt damit in Verbindung bringt und stellt mit 10 verschiedenen Torschützen die viertmeisten der Liga. Darunter ein torgefährlicher Innenverteidiger (Brooks, 1+1 Pokaltor) und ein Standardschütze (Plattenhardt, 2). Insgesamt gibt Hertha die zweitmeisten Impulse aus der Abwehr (12), soll heißen Tore und Assists, nur Dortmund ist besser (15) und kann dadurch ihre relative Ungefährlichkeit aus dem Mittelfeld kompensieren (Platz 14, 18 Scorer).

Ausblick: Die Hertha-Fans sind ob des aktuellen Erfolgs natürlich sehr zufrieden, dennoch werden erste, leise Unmutsbekundungen über die tiefe, gemächliche Ballzirkulation laut. Die große Frage für die Zukunft wird sein, ob Dardai zugunsten der Offensive auf einen zentralen Mittelfeldspieler verzichtet und vermehrt im 4-4-2 aufstellt. Einige der besten Spiele der Hinrunde (Köln, Hamburg) gewann Hertha in diesem System, das damals allerdings aus Verletzungsgründen entstand. Der erste potenzielle Streichkandidat, wäre der Kapitän Fabian Lustenberger, eine Personalie die für Unruhe sorgen könnte. Darüber hinaus wird zu beobachten sein, ob es Dardai gelingt, funktionierende Rollen in seinem System für weitere seiner Ersatzspieler zu schaffen, bisher ist dies nur bei Stark, Pekarik und Hegeler der Fall. Cigerci, eigentlich prädestiniert für eine flexible, zentrale Rolle im Mittelfeld, bekommt sehr wenige Spielanteile, für Baumjohann und Stocker gibt es keine Startelf-Rollen, sie werden wenn, dann fürs Konterspiel eingewechselt.
Im dritten Spiel von englischen Wochen (Liga/Pokal) liefert Hertha in schöner Regelmäßigkeit die schwächsten Spiele ab. Die Spieler wirken häufig müde von der erforderlichen Laufarbeit. Im Angesicht der möglichen Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb wird Dardai nachweisen müssen, ob er auch mit einer stärker variierenden Startelf erfolgreich sein kann. Sein System ist sich da, wie in einigen anderen Aspekten, dem seines ehemaligen Trainers Favre, nicht unähnlich. Dieser schaffte es bei Borussia Mönchengladbach unter der Dreifachbelastung mit einer größeren Rotation erfolgreich zu sein, und scheiterte schlussendlich dennoch an dem gleichzeitigen Ausfall mehrerer Stammspieler. Auch bei der Hertha steht das Gerüst noch auf tönernen Füßen. Die Defensive scheint stabil, doch die Offensive ist eigentlich zu abhängig von der individuellen Qualität im Angriff. Die alternden Stars sind vor Verletzungen und Leistungsabfall nicht gefeit. Es wird spannend zu beobachten sein, ob Dardai die Balance zwischen Offensive und Defensive auch in solche Fällen auszutarieren wissen wird.

*Die folgenden Daten bilden nur die Hinrunde ab. Aus Mangel an anderen ähnlich detaillierten Daten, und aus Faulheit nach ebensolchen zu suchen, verwende ich sie. Da sich Herthas Spielstil seitdem nicht wesentlich geändert hat, finde ich sie immer noch aussagekräftig. Wer das anders sieht, den bitte ich, die Analyse nur auf die Hinrunde zu beziehen.

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So, Hertha patzt auch und verabschiedet sich aus dem Titelrennen.

Nun gut, ein Spiel, das große Teile meines obigen Beitrags konterkariert. Danke dafür! Hertha, sehr untypisch, hat das Spiel gespielt, das Hamburg spielen wollte. Tempo, Hektik, Hertha mit deutlich schlechterer Passquote als sonst. Hamburg mit starker Leistung als verdienter Sieger. Es fällt auf, dass Hertha des öfteren Probleme hat im dritten Spiel in einer englischen Woche.

Respekt zu diesem Post, auch wenn ich Hertha jetzt nicht ganz so genau verfolge kann ich deine Ausführungen sehr gut nachvollziehen.

Moin, ich hätte mal eine Frage, die etwas über die Tagesaktualität hinausgeht, und deshalb vermutlich nichts für die Schlusskonferenz ist (verbunden mit der Frage, ob wir diese Sammelthreads als allgemeine Vereinsthreads weiterverwenden). Dennoch würde mich die Außensicht der Dinge interessieren, vielleicht passt das Thema ja irgendwann mal:

Hertha fährt seit vielleicht einem Jahr eine Strategie unter dem Schlagwort der “digitalen Transformation”. Dies kann im Kleinen einen Imagewechsel bedeuten, im Großen die Ambition, sich an die Spitze der Bundesliga in Sachen Digitalisierung zu setzen. Die offensichtlichsten Faktoren dieser Strategie sind:

  • Dardai und Preetz als jeweils erste und einzige Trainer/Manager mit Twitteraccount
  • Schaffung einer Geschäftsführerstelle für Digitalisierung (für Paul Keuter - vorher Sportchef für Twitter global)
  • Ein Vereinstwitteraccount der sehr umtriebig, umgangssprachlich und teilweise (geplant) unseriös auftritt (vgl. hier auch Thomas Herrich, Aufsichtsratvorsitzender, nach dem Sieg gegen Schalke auf Twitter)
  • Ganz aktuell, eine Crowdlending-Kampagne, die nach 9 Minuten das vorgegebene Ziel von 1 Million einspielte. Das Geld soll eben jener digitalen Transformation dienen.

Ich schätze ja die Reichweite dieser Maßnahmen auf so ziemlich die Hertha-Klientel begrenzt ein. Wird dieser Prozess in der allgemeinen Öffentlichkeit überhaupt wahrgenommen, und wenn ja, wie? Oder laufen solche Prozesse in allen Vereinen ab und ich habe nur meine Vereinsbrille auf?