Selektive Wahrnehmung


#1

Hey Max,

ich hab eine Frage an dich, von der ich glaube, dass sie auch andere interessieren könnte. Daher hier auf diesem Weg:

Ich stelle mir deine Arbeit so vor, dass im Laufe der Saison für jede Mannschaft die jeweilige Spielidee, taktische Elemente, Stärken und Schwächen dieser, wichtige Spieler im Spielaufbau / der Defensive analysierst und dir diese Dinge auch aufschreibst (oder du hast sie im Kopft, das wär aber ziemlich irre). In dieser Liste steht dann z.B. Mannschaft A möchte grundsätzlich nicht den Ball haben, versucht hoch zu pressen, aber dabei ergeben sich immer links Räume, weil Spieler B die Abstände zu Spieler C zu groß werden lässt.

Meine Vermutung ist, dass du Aspekte im Spiel einer Mannschaft, die deine Analysen aus den davorgegangen Wochen stützt besonders schnell, also selektiv wahrnimmst. Das ganze passiert unbewusst und erschwert doch den Blick auf kleine Änderungen, die deiner Analyse widersprechen. Insbesondere, wenn die taktische Formation, die Aufstellung, die Spielidee gleich bleiben, und kleine Veränderungen sich ja vielleicht auch nicht sofort positiv auf Ergebnisse niederschlagen. Um das Beispiel von oben nochmal aufzugreifen, könnte ja Spieler C die zu großen Abstände zu Spieler B durch ein leicht verändertes Stellungsspiel verbessern. Das Beispiel ist ausbaufähig, aber mir fällt kein besseres ein.

Meine Frage ist, ob du sowas ähnliches schon mal erlebt hast, und im Rückblick feststellen musstest, dass deine Aspekte übersehen hast, die wichtig für deine Analysen gewesen wären. Und wenn das so ist, ist die Frage, ob und wie du versuchst dem entgegenzusteuern, dass deine Analysen einer Mannschaft den Blick auf diese Mannschaft unbewusst beeinflusst.

LG, Lukas


#2

Ein Gedanke noch dazu: Deine Gäste sind natürlich eine Möglichkeit, um der selektiven Wahrnehmung entgegenzuwirken, insbesondere, wenn sie einen Verein sehr genau kennen.


#3

Hey Lukas,

interessante Frage, denke ich viel drüber nach. Im Grunde jedes Mal wenn ich von jemanden für eine Einschätzung kritisiert werde. Manchmal sehe ich dann im Nachhinein auch, dass ich falsch lag, das kommt schon vor. Öfter ist das Problem allerdings, dass meine Worte zu sehr auf die Goldwaage gelegt werden oder ich mich unklar ausgedrückt habe.

Aber zu deiner Frage: Ich habe keine Liste mit Eigenschaften der Mannschaften. Ich sehe jede Mannschaft häufiger über 90 Minuten dazu von jedem Spiel, das ich nicht über die volle Länge sehe, mindestens eine Zusammenfassung - dazu gibt es Statistiken und so hab ich immer grob im Kopf, was von Team A und Team B zu erwarten ist.

Und dann lasse ich mich gerne überraschen. Es gibt fast in jedem Spiel Dinge, die nicht in meine Meinung über eine Mannschaft gepasst haben. Dem gehe ich dann nach, schaue Statistiken dazu an, achte in den nächsten Spielen drauf. Sehr gutes Beispiel dieses Jahr: Das veränderte Verhalten der Defensive von Werder. Die standen zu Beginn der Rückrunde in wunderbar parallelen Ketten, aber haben sich durch zu langsames Rausrücken in einzelnen Situationen gegen Dortmund und Bayern die Tore gefangen. Später standen sie auch häufiger gestaffelt, wobei ich nicht so ganz rausfinden konnte, ob das Ansage war oder damit zusammenhing, dass Sané eine zeitlang nicht gespielt oder keine Fehler mehr beim Rausrücken gemacht hat. Naja, und dann begann langsam die Entwicklung, dass man gar nicht mehr so tief stand und vor allem auf der Sechserposition fröhlich gewechselt werden musste, inklusive Ändern der Grundformation.

Es ist auf jeden Fall so, dass ich selektiv wahrnehme - so sehr ich mich auch dagegen wehren will. Aber das kannst du gar nicht abstellen, man sieht automatisch eher die Dinge, die einen in einer Meinung bestätigen. Ein gutes Korrektiv sind meine Gäste, außerdem auch das Ernstnehmen von Kritik. Die nehme ich immer auf in meine Beobachtungen.

Wenn ich dann trotzdem an meiner Meinung erstmal festhalte, hat das nichts damit zu tun, dass ich unbedingt Recht haben will, sondern eher damit, dass ich versuche nicht auf jeden Meinungstrend gleich aufzuspringen. Das nervt nämlich auch. Wenn ich Zweifel an Augsburgs Stärke im Aufbau habe, dann äußere ich die auch nach einem 4:0. Aber das war eigentlich ja gar nicht deine Frage.

Ein Punkt ist aber noch wichtig: Es gibt eh kein richtig und falsch. Ich liefere nur eine Interpretation und das ist meine Interpretation. Frag einen Co-Trainer, frag den Spieler auf dem Platz, frag den Fan in der Kurve: Jeder wird das Spiel anders interpretieren und vermutlich liegt keiner von ihnen total daneben. Will sagen: Man darf auch nicht zu hoch hängen, was die Gäste oder ich sagen. Das sind Meinungen, keine Wahrheiten. Im besten Fall kommen die Meinungen der Wahrheit halt nahe.


#4

Hey Max,

danke für deine ausführliche Antwort. Meine Fragen waren nicht als Kritik gemeint, die Welt selektiv wahrzunehmen ist menschlich und zu dieser Spezie gehörst du ja auch. Und dass du deine Sicht auf die Fussballwelt darstellst und nicht absolute Wahrheiten versteht sich von selbst und so nehme ich dich im Rasenfunk auch nicht wahr. Sonst würdest du ja auch nicht den Rasenfunk machen, sondern absolute Wahrheiten für viel Geld verkaufen.

Es zeigt einmal mehr deine professionelle Haltung, dass du dir dieser Problematik bewusst bist. Mehr ist neben der von dir angesprochenen Kritikfähigkeit ja auch nicht möglich.

Mehr kluge Gedanken hab ich gerade nicht, vielleicht komme ich nochmal drauf zurück. Danke für deine Antwort.