Ich möchte gerne einen Kontrapunkt zu Martin Rafelts Take in Bezug auf frühe Rote Karten anführen: Man kann solche Rote Karten auch vermeiden, indem man sich einfach an die Regeln hält. Gerade bei (absichtlichen) Notbremsen gilt das besonders deutlich. Niemand zwingt den Verteidiger, in der ersten Halbzeit die Notbremse zu ziehen. Man kann den Stürmer auch laufen lassen, wenn man merkt, dass man ihn nicht regelkonform stoppen kann. Und wenn die Drohung der Roten Karte dazu führt, dass Trainer den Verteidigern sagen, sie sollen (zumindest in der ersten Halbzeit) lieber das Gegentor als die Rote Karte nehmen, dann tut die Regel doch genau das, was sie soll, nämlich Regelverstöße verhindern. (Absichtliche) Notbremsen werden generell in meinen Augen zu sehr verniedlicht. Mit Blick auf das Ziel des Spieles, also Tore zu erzielen, ist das das Unsportlichste, was man machen kann. Man verstößt absichtlich gegen die Regeln, um zu verhindern, dass der Gegner das Ziel des Spiels erreichen kann. Das wäre, wie wenn man beim Mensch-ärgere-Dich-nicht den Würfel zinkt. Das ist nicht (nur) clever, sondern mogeln. Und aus Perspektive eines Regelmachers will man so ein Verhalten dann natürlich unterbinden.
Ich glaube übrigens auch, dass eine Zeitstrafe im Profibereich nicht die Lösung ist. Fast alle Profivereine sind taktisch so gut, dass sie zehn Minuten Unterzahl durch kompaktes Verteidigen einigermaßen ausgleichen können. Eine Zeitstrafe in diesem Rahmen würde also nicht nur die Anzahl an Notbremsen erhöhen, sondern vermutlich auch dazu führen, dass die Zeit der Unterzahl eine noch extremere Verteidigungsschlacht wird als jetzt, zumal es dann ja auch einen größeren Anreiz gibt, schon frühzeitig mit dreistem Zeitspiel zu agieren. Die Zeitstrafe muss, damit die Unterzahl eine echte Strafe mit abschreckenden Charakter ist, also schon einen längeren Zeitraum erfassen (z.B. 45 Minuten). Aber mit jeder Minute, die sie länger dauert, nähert sie sich wieder den (vermeintlichen) Problemen der Roten Karte an, weil eine Zeitstrafe in der 80. Minute dann natürlich wieder einen anderen Einfluss hat als in der 20. Minute.
Wenn man von der Matchstrafe weg möchte - wovon ich nicht überzeugt bin -, dann wäre vermutlich eine Lösung wie im Hallenfußball am sinnvollsten: Ergänzung nach Gegentor. Nach einem Gegentor könnte die Mannschaft einen anderen Spieler einwechseln, vorausgesetzt, sie hat noch einen Wechsel. Das würde aber zu der kuriosen Situation führen, dass gerade bei einer Notbremse, bei der die Mannschaft vom Regelverstoß profitiert und es sich nicht um einen Aussetzer eines Einzelspielers handelt (anders als bei einer Tätlichkeit oder einem groben Foul), die Mannschaft nicht in Unterzahl zu Ende spielen muss.
Auch da müsste man aber natürlich noch an Details in der Umsetzung arbeiten (Wie ist das, wenn beide Teams in “Unterzahl” sind, soll dann durch die Ergänzung eine Überzahl hergestellt werden können?). Auch die anderen Überlegungen würde man mit entsprechenden Umstellungen evtl. in den Griff bekommen (Zeitspiel ist bei Nettospielzeit z.B. ein geringeres Thema). Aber ist es wert, für die relativ gesehen wenigen Spiele, in denen eine frühe Rote Karte das Spiel entscheidet, so erhebliche Eingriffe in das Spiel zu machen? Erst recht, wenn man den Kollateralschaden, dass Notbremsen attraktiver und damit häufiger werden, betrachtet? Oder ist es nicht sinnvoller, die abschreckende Wirkung der frühen Roten Karte beizubehalten, damit die Spieler auf Notbremsen verzichten? Das wäre schließlich auch im Sinne des Spiels.
PS: Petition für mehr Outtakes im Rasenfunk!