Bezüglich der Thematik „Übertragung der ‚Männerivalitäten‘ in den Frauenfussball“:
Ich schaue derzeit recht viel US-Sport und habe mich entsprechend mal tiefer mit dessen Franchisemodell, den exklusiven Ligen und der Bildungspipeline beschäftigt. Dabei ist mir nochmal verstärkt klar geworden, wie anders doch das europäische Vereinsmodell ist.
Es gibt hier nun mal eine Vereinskultur. Die Menschen brennen tatsächlich für einen Verein, nicht für eine Abteilung. Das hat, so vermute ich, was mit der strikten Ortsgebundenheit zu tun, die so in den USA höchstens bei den Bildunsgeinrichtungen existiert. Dass die Emotionen, die Leute in einen Verein stecken auch Abteilunsgübergreifend existieren, ist für mich nicht verwunderlich. Das hört ja nicht mal bei Unterabteilungen derselben Sportart auf, sondern kann durchaus auch Sportartübergreifend sein. Da mag man jetzt entgegnen, dass es in der Realität aber so ist, dass sich diese Emotionen meistens entlang einer einzigen Abteilung entwickeln, entweder der Größten oder eben der, die die Leute verfolgen. Warum sollte man also bei einer anderen Abteilung irgendwas davon ausleben? Das stimmt und ist auch völlig rational, aber da kann ich nur sagen, dass wir uns ja nicht auf dem Territorium der Rationalität befinden. Zudem werden diese Emotionen von Vereinen ja auch gezielt gefördert und angesprochen. Die Einheit des Vereins wird ständig betont (selbst wenn dann mal für’s Merchandise/Marketing eine „eigene Identität“ geschaffen werden soll, wie neuerdings bei Nürnberg oder auch Man City).
Ich will damit die Kickers-Fans, die die Rauchbombenaktion zu verantworten haben keineswegs in Schutz nehmen. Ich finde die Aktion aus denselben Gründen wie sie Adrian Geiler vorgetragen hat ebenfalls albern, aber es ist für mich kein Rätsel, weshalb sie die geforderte Trennung der VFB-Stuttgart Fussball-Frauenabteilung von der Fussball-Männerabteilung in ihren Gefühlen nicht durchgeführt haben. Ehrlicherweise sehe ich aber auch kein grundlegendes Problem damit. Es ist nun mal derselbe Verein. Auch die Spielerinnen dürften diese Trennung größtenteils nicht konsequent durchführen, denn sonst wären „Herzensvereine“, bis auf jene ohne prominentere Männerabteilung, gar kein Thema. Problematisch wird diese Übertragung, ganz allgemein gesprochen, mMn dann, wenn eine Abteilung dabei völlig auf der Strecke bleibt und sich nicht selbst entfalten darf, obwohl sie eben eine eigene Abteilung ist.
Umso schöner ist zu sehen, wenn sich eine Rivalität, die historisch in der Männerabteilung (und allgemeinen Stadtrivalität) entstanden ist, in der Frauenabteilung neu entwickelt, wie es in den letzten Jahren bei Dortmund - Schalke in der Westfalenliga/Westfalenpokal der Fall war.