Meine Gedanken zum Spiel des SC in Köln:
Taktische „Erkenntnisse“
Freiburg scheint sich nach den ersten Spielen mit teils sehr hohem situativen Pressing nun verstärkt auf eine kompakte und stabile Defensive zu konzentrieren. Blickt man auf die durchschnittlichen Positionen der Spielerinnen, so standen die Innenverteidigerinnen bei den Spielen in Hamburg oder zuhause gegen Union Berlin noch ca. 22 Meter vor dem eigenen Tor, gegen Köln standen sie durchschnittlich schon fast am eigenen Sechzehnmeterraum. Das kommt den eher langsamen Innenverteidigerinnen sicher entgegen. In den vergangenen Spielen gab es immer wieder Momente, die diese Schwäche offenbarten. Letztlich hat das aber sicher auch etwas mit dem FC Köln zu tun, die das stärkste Team in Sachen Balleroberung im letzten Drittel sind. Gerade darauf hat der SC aber gut reagiert, indem sie in der zweiten Hälfte mit der Führung im Rücken die nötige Souveränität und Ruhe hatten, sich aber nicht zu schade waren, den Ball auch mal Richtung Luca Birkholz lang zu schlagen. Die Voraussetzung als Team mit einer der schwächsten Passquoten (71,5 %, 12./14.) gegen eines der pressingstärksten, ließ dahingehend Schlimmeres vermuten.
Köln hatte dagegen große Probleme, den tiefen Freiburger Block zu bespielen. Nur selten kamen sie hinter die letzte Kette und suchten ihr Heil dann meist in (ungefährlichen) Flanken.
Freiburgs Offensive wirft Fragen auf
Ein xG-Wert von 0,31 und nur sechs abgegebenen Schüssen spricht erst mal für sich. Was aber viel schwerer wiegt, ist die dahinterliegende und nun sechs Ligaspiele anhaltende Überperformance. Insgesamt hat man sich über diese Saison 6,42 xG erarbeitet (1,07 pro Spiel) und acht Tore erzielt. Man hat demnach +1,58 Tore mehr erzielt als anhand der Chancen erwartet.
Blickt man aber noch genauer hin, nämlich auf den Expected Goals on Target (xGOT)-Wert, zeichnet sich ein noch deutlicheres Bild. Während der xG-Wert vor dem Schuss ansetzt, blickt der xGOT-Wert auf den Moment des Abschlusses und erfasst ausschließlich Versuche, die direkt auf das gegnerische Tor gehen (also im Netz landen oder von der Torhüterin pariert werden).
Dieser liegt bei Freiburg bei 4,94. Heißt also, dass beim SC derzeit mit dem Schuss die Trefferwahrscheinlichkeit sinkt. Dass daraus trotzdem acht Treffer entstanden, zeigt eine klare Überperformance. Sie ist auch dadurch zu erklären, dass drei der acht Freiburger Saisontore mehr oder weniger Zufall waren. Dazu gehört der Freistoß von Ojukwu in Hamburg, das Leverkusener Eigentor und die heutige Tor-Flanke von Brunold.
Wenn es also die erwartbare Regression zur Mitte gibt, könnte es sein, dass die SCF-Frauen noch weniger Tore erzielen, als sie ohnehin schon tun.
Hab mal versucht das zu visualisieren:

Die Defensive als Prunkstück oder ein Trugschluss?
Auch hier zeigt sich in den Werten wieder eine klare Überperformance. 11,25 xG ließ man diese Saison bereits zu. Die Gegnerinnen des SC kommen aber auf gerade mal sieben Treffer. Legt man den xGOT-Wert zugrunde, kommt man immer noch auf 9,83. Das bedeutet, dass Freiburg nach xG +4,25 Tore hätte kassieren können. Nach xGOT immerhin noch 2,83.
Natürlich kann man das auf diverse Faktoren zurückführen, aber einer muss hier genannt werden: Der SC Freiburg hat eine großartige Torhüterin. Mit 2,83 verhinderten Toren liegt sie um 0,65 verhinderte Tore vor der zweitplatzierten Maria El-Sharif von Werder Bremen. Das sind für eine 17-Jährige richtig gute Werte. Freiburg sollte also hoffen, dass Reimann dieses Niveau noch eine Weile halten kann.
Ebenso wieder ein Visualisierungsversuch.

Fazit
Wieder mal ein ganz komisches Spiel, das aber irgendwie in den Rahmen der bisherigen Saison passt. +1,58 erzielte Tore (+3,06 xGOT) und −4,25 Gegentore (−2,83 xGOT) zeigen deutlich, dass die Freiburg-Frauen gerade in einer Überperformance liegen und ihr Glück an der einen oder anderen Stelle vielleicht etwas strapazieren. Nicht nur aus dem Fußball wissen wir, dass es langfristig immer eine Regression zur Mitte gibt. Für Freiburg könnte die ungemütlich werden.
Vielleicht wählt Marco Konrad einen ähnlichen Ansatz wie Jürgen Klopp beim DFB und möchte zunächst auf eine stabile Defensive setzen. Das anfänglich hohe und intensive Pressing sowie die xG-Werte weisen aber nicht unbedingt darauf hin, dass es perfekt läuft – bzw. von Beginn an so geplant war.
Marco Konrads Aussagen auf der vereinseigenen Homepage könnten sich aber so interpretieren lassen:
„Hinten heraus haben wir noch die Gelegenheiten, mit dem zweiten Tor alles klarzumachen. Insgesamt war es einfach eine geschlossen gute Mannschaftsleistung. Hier wächst gerade etwas zusammen, das Team agiert als Einheit. Das ist für uns der richtige nächste Schritt.“
Gerade in der zweiten Hälfte war das Team tatsächlich eine kompakte und funktionierende defensive Einheit.
Das Angriffsspiel muss aber in Zukunft dringend angegangen werden, besonders in puncto Konsequenz. Ansätze sind nämlich sehr oft zu sehen, es fehlt aber regelmäßig am letzten Pass oder dem richtigen Abschluss. Luca Birkholz z. B. ist eine Spielerin, die dies in dieser Saison personifiziert.
Einige Spielerinnen werden für ihre Nationalmannschaften unterwegs sein, daher ist fraglich, ob in der Länderspielpause so viel am Offensivspiel gearbeitet werden kann.
Beispielhaft für Freiburgs Ideenlosigkeit im Angriff war die 27. Minute. Es gab einen Freistoß in der eigenen Hälfte. Stierli fand keine Anspielstation und Ojukwu fiel zurück und führte ihn aus. Normalerweise sollte nun der Impuls entstehen, dass die IV breit ziehen und der Rest des Teams sich entsprechend staffelt. Ojukwu führte den Freistoß aber sehr schnell aus und schlug ihn einfach lang in die letzte Kölner Reihe, die einen neuen Angriff aufbauen konnte.
Um jedoch mit etwas Positivem zu enden:
In der zweiten Halbzeit stand man gegen ein sehr gutes Bundesliga-Team stabil. Man hat nur noch 0,2 xG zugelassen. Gemeinsam mit dem funktionierenden situativen Pressing aus den ersten Spielen sind das schon gute Elemente, die das Team vielseitiger machen.
Das Wichtigste jedoch ist: Die 10 Punkte aus den ersten 6 Spielen nimmt keiner mehr weg, egal, was der xG-Wert sagt.