Inklusion im Fußball

Ich habe gerade festgestellt, dass es hier noch kein Thema zu Inklusion im Fußball gibt und da Sport Inside gerade eine Doku zum Thema Rollstuhlplätze im Stadion veröffentlicht hat, nehme ich das zum Anlass, das mal zu beheben.
https://youtu.be/Yf-ZSfG__Lw?feature=shared

Dass - auch bei Stadionneubauten - kein einziger Verein in den ersten beiden Ligen die gesetzlichen Vorgaben für Rollstuhlplätze erfüllt finde ich dann doch irgendwie erschreckend, wenn auch nicht total überraschend (weil diese Plätze sind vergleichsweise teuer und generieren wenig/keine Einnahmen). Da mein Bruder selbst Rollstuhlfahrer ist (selbst mit Dauerkarte), war ich auch schon gelegntlich mit ihm im Stadion. Dabei habe ich mitbekommen, dass die Plätze für Rollstuhlfahrer:innen sehr unterschiedlich gut gelegen sind in den Stadien - gerade wenn man bedenkt, dass man im Rollstuhl oft sehr niedrig sitzt und es dann „herausfordernd“ sein kann über Werbebanden etc. drüber zu schauen (außer man hat einen Elektrorollstuhl, bei dem man den Sitz hochfahren kann). Das vorgestellte Modell in Frankfurt sieht tatsächlich ganz gut aus, da dort auch zwei Personen Rollstuhlfahrer:innen begleiten können. An anderen Standorten kann es sonst durchaus schwierig sein als Familie/Freundeskreis mit Rollstuhlfahrer:in ins Stadion zu gehen (z.B. Eltern mit Kind oder halt drei Freund:innen, von denen eine:r im Rollstuhl sitzt).
Ich finde da gibt es durchaus eine Spannung zwischen dem Bild, das Vereine/die Liga gerne nach außen zeigen („Inklusionsspieltag“ etc.) und der gelebten Praxis.

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Servus nach Darmstadt.

Nachdem es eben wegen technischen Problemen (Dummheit des Users) meinen Beitrag zerlegt hat, hier nun noch einmal:

Schaue ich mir die Neubauten im Profifußball der letzten Jahre an, es bestätigt das Bild:
Stadion Europakreisel, Freiburg (alle Zahlen selbst errechnet und gesucht): nötig 198, vorhanden: 144
Hafenstraße Essen: 125/52
Chemnitz: 100/60
Regensburg: 100/51
Heidenheim: 100/19 (!)

Sprich: es hakt auch bei Neubauten.

Woran also liegt es?
Ich schaue einfach mal nach München, da mir das Stadion am nächsten ist und ich schlicht durch Bekanntschaften die Rolli-Plätze gut kenne:
Nach allen Erweiterungen wären 400 Plätze nötig, vor der Saison standen wir bei 227: Aussage auf Homepage mit Bildern
Zur neuen Saison wurden Umbauten begonnen. Hintergrund war vor allem, dass die Nordkurve bei uns so voll war (de facto Stehplätze, aber mit Sitzern im Block), dass eine Schließung des Blocks drohte.
Was also passierte? Man machte aus dem Mittelblock einen Sitzplatzblock, die Außenblöcke der Nordkurve blieben wie sie waren. Auf der Homepage des FC Bayern finden wir nun folgende Infos: Barrierefreiheit in der Allianz Arena 324 Rolliplätze (jeweils mit Sitzen für Begleitpersonen. Das ist also deutlich besser, wir stehen nun bei ca. 81% der Zielwerte. Diese Plätze werden auch bleiben. Finanziell tut das dem Verein auch nicht groß weh. Hintergrund: zwar fällt eine gewisse Anzahl an Stehplätzen weg, diese wurden aber in Teilen in die Randblöcke verlagert, zum Teil durch (deutlich teurere) Sitzplätze verdrängt. Hinzu kommen noch die Einnahmen durch die neuen Rolli-Plätze.
Das lässt sich natürlich bei Kaufleuten deutlich besser durchsetzen als dann, wenn man teure Sitzplätze durch billigere und weniger Rolli-Plätze ersetzt.
Dazu gibt es in der Arena die Möglichkeit, sich Essen an die Rolli-Plätze liefern zu lassen. Es ist sicher nicht alles gut, aber der Wille ist eindeutig erkennbar. (Dazu 20 Kopfhörer für nicht sehende Personen, Behindertentoilette, separater Fanraum für den Rolli-Fanclub)

Und obwohl der FC Bayern hier bei den Zahlen gut dasteht fehlt mir etwas die Fantasie, wie und wo man weitere Plätze installieren könnte. Gelegen sind sie gut (wie auf den Bildern im ersten Link erkennbar), die Ebene ist nun aber (außer hinter der Südkurve) voll. Also: entweder quetschen (bei teils wirklich großen Rollstühlen nicht möglich) oder (wäre ja meine favorisierte, aber total unrealistische Lösung) komplett neu bauen.

Was ich heute aber von Vereinen erwarten würde: vorher (!) die Behindertenbeauftragten ins Boot holen. Bei uns hilft es extrem, dass der Verein mit Kim Krämer einen echt motivierten Behindertenbeauftragen hat, der auch Sachen durchsetzen kann.

Jetzt sind wir aber beim FC Bayern, der mal flott Umbauten finanzieren kann. Was also bei kleineren, ärmeren Vereinen?
Oder bei Stadien, bei denen es baulich schwierig ist? (und da fällt mir tatsächlich Dortmund ins Auge): wie diese Plätze bauen, wenn man z.B. eine große Stehplatztribüne hat und auch der Rest des Stadions recht verbaut ist? Ideal ist sicher, wenn man zwischen den Rängen einen Bereich hat, der ebenerdig erreichbar ist und auf dem noch Platz ist (Frankfurt im Video oder eben München als Beispiel).

Man merkt: ich habe keine wirklich gute Lösung außer „es muss von Beginn an passen“.

Was übrigens bei der EM noch reinspielen dürfte: zusätzliche Plätze sind dort auch hinter Stehplätzen möglich, da es diese bei der EM nicht gibt.
Der Rückbau einiger Rolli-Plätze dürfte also auch damit zusammenhängen, dass diese Plätze im Ligabetrieb wieder bestenfalls beschränkte (eher: gar keine) Sicht hätten…

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Wozu ich gestern noch zu faul war, habe ich jetzt motiviert von deinem Beitrag auch mal gemacht: Ausgerechnet wie die Situation bei „uns“ in Darmstadt ist, wo der Stadionumbau ja letztes Jahr erst abgeschlossen wurde.
Im Vergleich zu deinen Beispielen sogar gar nicht sooo schlecht,aber immernoch unter den Vorgaben: Soll wäre nach den offiziellen Angaben zur Kapazität 114; laut den Angaben auf der Homepage sind aber nur 94 im Heimbereich (ich finde hier die Formulierung allerdings nicht so eindeutig; man könnte es auch so lesen, dass es 94 inklusive Begleitpersonen sind - dann wären es plötzlich nur 47 Rolliplätze, aber ich hoffe hier einfach mal auf eine unklare Formulierung) und 3 im Gästebereich vorhanden. Eigentlich wäre es hier sinnvoll ja auch die 10% Regel für Gäste zu Grunde zu legen. In Darmstadt kommt man im Heimbereich auf jeden Fall ebenerdig zu den Rolliplätzen, die auf dre Haupttribüne liegen. Beim Gästebereich weiß ich es nicht.
Auf jeden Fall wäre es sinnvoll/wichtig wenn hier die gesetzlichen Vorgaben klarer umgesetzt würden.
Bei alldem natürlcih noch nicht im Blick sind andere Handicaps wie zum Beispiel Fußballfans mit Sehbehinderung (hier gibt es in Darmstadt z.B. das Angebot einer Audiodeskription über das Fanradio im ganzen Stadionbereich) oder anderen Beeinträchtigungen.

Ich hatte Darmstadt auch gesehen…für mich klang es leider als sei die Zahl incl. Begleitung. Also auch hier: Ziel leider verfehlt.

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Es müsste doch machbar sein, in einem Rang ganz vorne, wo eh breitere Wege sind, da einfach Klappsitze zu montieren, und dann diese Plätze für Rollis vorzuhalten, und wenn nicht, dann ist es halt ein normaler Sitzplatz für Laufende. Baukosten wären halt dann nur der Austausch der Sitze…

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Ich befürchte auch. Mein Bruder meint, es waren mal um die 50, aber die aktuelle Zahl wusste er nicht - das würde ja leider mit der Zahl ohne Begleitpersonen ziemlich genau hinkommen…

Naja ein Rollstuhl braucht tendenziell schon mehr Platz als ein Klappsitz + dann der Sitz für eine Begleitperson. Aber ja mit zwei bis drei Klappsitzen die Platz für einen Rollstuhl plus Begleitperson machen würde das hinkommen, wenn es denn von Vereinen und Stadionbetreibern gewollt wäre…

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Ja, stimmt natürlich, es wäre nicht 1:1 :smiley:

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Jein. Ich fürchte, das hängt tatsächlich von der Bauweise des Stadions ab.

Wieder Beispiel München: Unterrang ganz vorne wäre kaum machbar, da Spielfeldhöhe und man käme nur über den Innenraum hin. Mittelrang? Treppen. Oberrang? Zu steil.

In manchen Stadien wäre das jedoch sicher eher möglich…

Ist in anderen Stadien nicht unüblich, dass Rollies einfach zwischen Tribüne und Werbebande sitzen

Ich weiß. Löst aber leider das Problem des Zugangs nicht. Und wie @Stadionpfarrer1898 schon schrieb: an der Bande ist halt die Sicht oft eher bescheiden…