Kurzpass 041 – Nazis bei Energie Cottbus


#21

Ich komme viel zu spät in diesen Thread zurück. Das tut mir leid und wahrscheinlich nimmt das auch keiner mehr wahr.

Ich möchte trotzdem mal ein Kompliment aussprechen: Ich habe selten eine Diskussion zu diesem Thema (oder vielleicht überhaupt zu einem Thema) erlebt, die einerseits - jetzt gar nicht böse gemeint, nehme ich mich selber auch kein Stück aus - so platt, pauschalisierend und populistisch und andererseits doch so gesittet ausgetragen wurde. Max, Du hast Dir da ein fantastisches Publikum rangezogen. Fantastisches Publikum, Ihr habt Euch ein sehr passendes Medium ausgesucht, welches für mich persönlich durch Euch deutlich gewinnt. Wollte ich nur mal gesagt haben.

Um auf der Meta-Ebene zu verbleiben fällt mir auf, dass niemand einen schlüssigen Lösungsansatz vorweisen kann. Schade eigentlich. Trifft aber meine grundsätzliche Stimmung. Zurück zu den Mühen der (Diskussions-) Ebene:

@maikbille: Diese wird sich dann außerhalb des Stadions versuchen zu bilden, aber dort kann und wird die Polizei und die Justiz eingreifen, da sie es dürfen. Im Stadion dürfen Polizei und Justiz nur sehr begrenzt durchgreifen, weil die Vereine das Hausrecht haben.

Vielleicht bin ich zu blöd, um Deinen Punkt zu kapieren. Aber wo wäre der Unterschied? An diesen Treffpunkten wird auch immer irgendjemand (der Kneipenwirt, der Sportverein, im Park die Stadt) das Hausrecht besitzen.

Das Hausrecht ist ein privates Abwehrrecht des Hausrechtsinhabers gegen private Störer desselben. Gegenüber dem Staat ist es irrelevant. Vielleicht meinst Du andere Abwehrrechte von Privatpersonen innerhalb ihrer Privatsphäre gegenüber dem Staat, die aber aus meiner Sicht in einem Fußballstadion allesamt nicht greifen. Du triggerst da bei mir eher im Gegenteil zu Gunsten der Störer mein seit 20 Jahren bestehendes Unwohlsein damit, dass wir in einem öffentlichen Raum, der für viele Menschen deren zentralen Ort sich öffentlich zu versammeln und öffentlich auszudrücken bedeutet, unbequemen Personen konsequent mit Mitteln des Privatrechts wie dem Hausrecht begegnen (jüngere Leser vom Land kennen das aus dem Konzept “Einkaufszentrum”). Aber das wirst Du nicht gemeint haben.

Um Dein Argument wohlwollend zu interpretieren, meinst Du vielleicht, dass die Polizei in einem kleineren Umfeld eher durchgreift, als im Stadion, wo sie im Zuge der Verhältnismäßigkeits-Abwägung mehr Nebenschäden befürchten muss. Da bleibe ich bei: Hey, mehr Märtyrer-Bildung. Super!

Und ganz am Rande: Deine Vermutungen aus anderen deutschen Sportarten sind aus meiner Erfahrung vom Eishockey (Totenliga bis DEL) in beide Richtungen nicht tragfähig. Viel Fairness auf maximal enthusiastischen Stehtribünen, sehr fragwürdige Äußerungen in den “VIP”-Räumen. Lass das zukünftig besser weg.

“Nein, das einzige, was denen weh tut ist, wenn Demokraten aller demokratischen Farben ihnen im offen Stadion entgegen treten. Und wenn Verein, Team und Fans denen, die ihnen entgegen treten, öffentlich den Rücken stärken.”

Diese Hoffnung habe ich aufgegeben. (…) Und ich habe sogar großes Verständnis für die Leute. Als Familienvater werde ich nicht im Stadion anfangen, mich mit diesen Leuten anzulegen, (…)

Das muss ja nicht zwingend im selben Block und von Mann zu Mann sein (so schön das wäre). Auch wenn ein Stadion insgesamt Stellung bezieht, verhallt das nicht ungehört. Man kann auch mal was anderes singen als die Faschos. Man kann auch als Verein eine Geste setzen, der sich das Stadion anschließt. Bei Lazio kämpft gerade ein - anscheinend sehr rühriger Mann, bei dem ich mich frage, was ihn eigentlich dahin bewegt - als Präsident gegen die sehr gut organisierte Kriminalität der Faschos in der Kurve. Wenn dort die Spieler mit Anne Frank auf dem T-Shirt auflaufen, vor dem Anpfiff aus ihrem Buch vorgelesen wird und das gesamte Stadion - außer der Kurve - dies lauthals gut heißt, dann hätte man eine Gegenöffentlichkeit.

Auch wenn das oft anders wirkt: Selbst in Cottbus sind die Faschos eine laute (und leider starke) Minderheit. Ihnen im öffentlichen Raum entgegen zu treten, sollte das Mittel der demokratischen Mehrheit sein. Im Grunde ist das Stadion als einerseits halbwegs anonymer, anderseits aber auch von den Inhabern des staatlichen Gewaltmonopols ordentlich geschützter Raum, dafür der genau richtige Ort. Eigentlich.


#22

@sternburg:

Die Polizei und die Staatsanwaltschaft können direkt im öffentlichen Raum, Anzeigen, Festnahmen und Einsatztaktische Maßnahmen einleiten. Im Hausrecht ist dieses nicht vorgesehen. In einer Kneipe, beim Sportverein werden sich kaum mehr als 100 Leute versammeln können. Dadurch hinkt dieser Vergleich. Ein angebrachter Vergleich zum Stadion ist eine Demonstration. Diese kann (auch wenn nich angemeldet) sofort gestoppt werden, durch Einsatztaktische Mittel der Polizei. Ein gutes Beispiel ist dieses Wochenende passiert, wo BVB rechte Ultras (Zitat SPON) Fans vom VFL Wolfsburg auf einem Bahnhof angegriffen haben. Dort konnten sofort alle rechtlichen Mittel ergriffen werden und die Täter würde alle angezeigt. Das ist im Stadion nicht möglich.

Meine Aussage bezog sich auf Stehplätze, welche kaum in anderen Sportarten vorhanden sind. Und wenn nur in geringer Anzahl. Und ich beziehe mich nicht nur auf Deutschland.

Dieses Argument ist doch lange widerlegt. Wenn die, meist Stehtribüne voll mit Ultras ist, ist es nicht möglich im restlichen Stadion gute gemeinte Botschaften an diesen Block zu senden. Diese Blocks von Ultras verhalten sich Autonom. Siehe dazu einmal die Versuche von Vereinen diese “Fans” zu beruhigen, wenn diese außer Kontrolle geraten.

Welche wirksame Geste soll das sein? Alle Vereine scheinen diese bis heute noch nicht gefunden zu haben. Bei Lazio ist es mehr oder weniger der letzte Versuch, nicht drastische Strafen der UEFA zu erhalten. Und mal ehrlich, durch ein Anne Frank T-Shirt wird sich kein rechter Ultra seine Meinung ändern. Lazio müsste eigentlich diese Ultra ausschließen aus dem Stadion. Das wäre ein Zeichen und würde dieses Leuten die Bühne direkt entziehen. Warum wird diese Maßnahme nicht ergriffen?


#23

Irgendwie reden wir sehr aneinander vorbei.

Mir ist immer noch unklar, was Du in diesem Zusammenhang mit “Hausrecht” meinst. Das existierende deutsche Rechtskonstrukt, dass normalerweise unter diesem Namen verhandelt wird, kannst Du aus den schon erwähnten Gründen nicht meinen. Aber mir ist mittlerweile völlig unklar, was Du meinen könntest.

Der Vergleich mit den Kneipen und sowas hinkt selbstverständlich, entspricht aber der Realität. Wenn Du diese Leute aus dem Stadion durch strukturelle Tricks rausdrängst, dann drängst Du sie nämlich genau dort hin. Wo sie dann ihr Spiel unbehelligt von Äußerungen des Vereins oder des restlichen Stadions spielen können (und zusätzlich noch - unangenehm berechtigt - die Märtyrerkarte ausspielen). Dass solche Aktionen nicht in annähernd sinnvollem Ausmaß (wenn überhaupt) stattfinden, sollte doch nicht dazu führen, dass man sich die Möglichkeit dazu selber aus der Hand schlägt.

Zumal ich immer noch finde, dass Du hier unzulässig die Beweislast umkehrst: Wer eine solch drastische und viele Unbeteiligte tangierende Maßnahme vorschlägt, der steht aus meiner Sicht in der Beweislast, zu erklären, inwiefern der Gewinn an Zivilisation diesen Verlust an öffentlichen Raum rechtfertigt. Ich sehe dazu immer noch keinen halbwegs überzeugenden Erklärungsansatz. Was aber mit dem oben erwähnten offenkundigen aneinander vorbei reden zu tun haben könnte.


#24

@sternburg,

machen wir uns es einfach. Nenne doch einfach mal sinnvolle Maßnahmen die noch nicht ausprobiert wurden, welche ein derartiger Verhalten von rechten Ultras im Stadion verhindert?


#25

Ich fürchte genau da liegt der Denkfehler. Es gibt keine einfache Lösung. Genauso wie es keine einfache Lösung gegen Nazis außerhalb des Stadions gibt.


#26

Von einfachen Lösungen gehe ich auch nicht aus. Nur sind alle bis heute ergriffenen Maßnahmen im nichts verlaufen. Darum plädiere ich für andere Lösungen und eine davon ist alleine nur noch Sitzplätze im Stadion zu zulassen, welche auch noch personalisiert sind. Dazu noch die Ordneranzahl erhöhen und Videoüberwachung im Stadion. Das sind drastische Maßnahmen, die in der Tat, andere Fans die nichts mit dem Verhalten der rechten Ultras zu tun haben mit ausschließt, wobei auch dazu es Gegenmaßnahmen geben kann, indem Sonderkartenkontingente verteilt werden.