Ich wechsle nicht das Thema. Der Punkt ist, dass die Gefahr, die durch Evangelikale und in Verbindung mit Fußball für Schwule ausgeht, keinerlei oder nur wenig gesellschaftliche Relevanz hat. Aber darüber wird gesprochen, sich echauffiert und gewarnt. Das passiert hier, im ÖRR oder durch die AAS. Andere Themen, die im Fußballkontext erfolgen, aber viel mehr Relevanz haben und offensichtlicher sind (auch international, da z. B. der für Birmingham zuständige Polizeichef nach einem Fußballspiel zurückgetreten ist), verblassen dagegen. Und ich erlaube mir die Bewertung dieser Prioritäten als „interessant“.
Ich bin mir im Übrigen sicher, dass mein schwules Umfeld mir auf die Frage, wer oder was ihnen gerade am meisten Sorge macht oder am meisten ihr Leben beeinträchtigt, nicht mit „Evangelikale“ antworten würde. Und da ich in einer westdeutschen Metropolregion lebe, sind es auch keine rechtsextremen Schlägertrupps. Und auch kein Liminski oder andere Union-Politiker. Über die wird höchstens gelacht.
Beim Thema Abtreibung gehe ich sofort mit, dass es eine absolute Schande ist, wie es teilweise den Frauen faktisch erschwert wird, Abtreibungen durchführen lassen zu können. Aber vielleicht wäre das ja das sinnvollere progressive Projekt in der Regierung gewesen, die Strukturen aufzubauen und zu verbessern, statt ein eigentlich geregeltes und befriedetes Thema neu aufzumachen, weil einem die Formulierung im Strafgesetzbuch nicht gefällt. Das hätte ganz am Ende stehen müssen. Prioritäten sind eben so wichtig.
Zur Zusammenarbeit und Zufallsmehrheiten mit der AfD fällt mir gerade ein Wort ein: Mercosur. Ich habe inhaltlich keine Meinung zu dem Abkommen, aber ich halte es für richtig, dass die Grünen und Linken keine Rücksicht auf das vorher bekannte Abstimmungsverhalten der AfD genommen haben, sondern ihre eigenen Überzeugungen vertreten haben. Die Motivationen waren verschiedene. Aber dann gilt das auch für die Union.
Und da auch der Begriff „Whataboutism“ gefallen ist, weil es ja um Rechtsextremismus gehe und nicht um andere Themen oder Spielarten des Extremismus. Gestern in Dresden sind die Rechtsextremen mit dem Schriftzug „Gestern Dresden - heute Gaza“ und der Flagge des iranischen Regimes durch Dresden gezogen. Die Que(e)rfront auf den Straßen hat ein gemeinsames Narrativ und dieses Narrativ geht über rechtsaußen, über Islamisten bis zu linksaußen, aber die Evangelikalen sind das Problem, bei dem man jetzt schon wachsam sein muss.
Und Spahn oder Klöckner quasi zu Antidemokraten zu machen, ist auch mal interessant. Ich halte die beiden für schlechte Politiker und behalte meine weitere persönliche Meinung besser für mich, umso mehr hasse ich es, sie verteidigen zu müssen, aber die sind doch keine Gefahr für das Grundgesetz. Das hat ja „Cem Özdemir ist völkisch“ (nach seinem Beitrag in der FAZ) -, „Ronzheimer ist Faschist, weil er für Springer arbeitet“- oder „Kevin Kühnert ist rassistisch“ (nach seinem Post zu seinem schwulen Leben in Neukölln)-Vibes.