SC Freiburg (f)

Da ich für den Input für den 1. Spieltag 26/27 mal wieder zu spät bin, hier mein Versuch einer ausführlichen Beschreibung des Freiburger Spiels gestern in Hamburg:

Der Spielverlauf

Der SC fand zu Beginn gut ins Spiel. Konnte mit hohem Pressing den HSV unter Druck setzen und zwang ihn so zu Fehlern. Nach fünf Minuten kam es so zur ersten guten Chance durch Maj Schneider, nachdem der SC einen Abstoß der Hamburgerinnen gut presste. Im Folgenden blieb der SC gut dran und hatte einige hohe Ballgewinne. Klare Torchancen blieben aber aus.
In der 15. Minute kam es zur ersten Chance der Hamburgerinnen. Alina Axtmann brachte nach einem Fehlpass Camilla Lindberg so in Position, dass diese frei durch war. Anna Reimann hatte aber aufgepasst und konnte den Ball entschärfen. Jedoch klärte sie deutlich zu kurz, wodurch Paulina Bartz aus der eigenen Hälfte das leere Freiburger Tor anvisierte – es aber ein ganzes Stück rechts verfehlte.

In der Folge gewann der HSV Sicherheit im Passspiel und bei Freiburg kam es immer mehr zu Abstimmungsschwierigkeiten und Fehlern im Aufbau. Nachdem Ojukwu den Ball vor dem eigenen 16er vertändelte, kam Nikola Karczewska zum nächsten Abschluss der Hamburgerinnen. So übernahm der HSV mehr und mehr die Spielkontrolle. Die richtigen klaren Torchancen blieben auf beiden Seiten aus, aber man lud sich immer wieder durch kleine Fehler zu Möglichkeiten ein.
Zur größten Chance in Hälfte eins kam es in der 39. Minute. HSV-Torhüterin Kinga Szemik fand eine völlig freie Camilla Lindberg. Ilayda Acikgöz hatte sich hier zu weit nach rechts orientiert und bot viel Raum im Zentrum an. Lindberg verlagerte auf den rechten Flügel, wo Magou Doucouré mit viel Übersicht auf Melina Krüger ablegte. Ihr Schuss wurde aber aus aussichtsreicher Position geblockt.

Die zweite Hälfte lief ähnlich an, wie die erste endete. In der 52. Minute war es erneut Krüger, die nach einem einfachen Befreiungsschlag zum Abschluss kommt. Freiburg hatte in dieser Situation erneut das Pressing von hinten nach vorne nicht gut durchgeschoben und so viele Räume geboten. Krügers Schuss geht letztlich aber ungefährlich am Tor vorbei. Eine gelungene Pressingaktion sorgte dann für eine gute Phase der Freiburgerinnen. Zunächst kam Karl nach einer Flanke von Birkholz zum Kopfball (61.). Danach hatte, nach einem hohen Ballgewinn von Acikgöz und einer Hereingabe von Bienz, Birkholz die große Chance auf die Führung. Sie kommt jedoch frei vor Szemik nicht an den Ball, vermutlich, weil sie den Druck gerade auf dem anderen Bein hatte und so kein langer Schritt zum Ball möglich war.

Wenig später (63.) folgte dann aber das 1:0: Lisa Kolb zeigte mal ihre Fähigkeiten auf dem Flügel und holte durch ein gutes Dribbling einen Freistoß heraus. Diesen schoss Nicole Ojukwu unter tatkräftiger Unterstützung der sich öffnenden Mauer und Torhüterin Szemik zum 1:0 ins Netz. Nicht unbedingt verdiente, aber in der Phase des Spiels zumindest keine überraschende Führung. Der HSV zeigte sich davon jedoch unbeeindruckt. Sieben Minuten später gab der SC einen eigenen Einwurf an der Mittellinie zu leicht ab und Lindberg verlagerte schnell auf die linke Seite. Von dort flankte Jonna Wrede auf die starke Nikola Karczewska. Diese nutzte Vojtekovás Unaufmerksamkeit und traf sehenswert zum 1:1.
Dem HSV war danach anzumerken, dass die drei Punkte in Hamburg bleiben sollten. Freiburg schaffte nach dem Gegentor wenig Entlastung und kam erst rund um die 80. Minute wieder zur Ruhe. Größere Torchancen gab es nicht mehr. Ojukwu probierte es noch einmal mit einem Freistoß aus spitzem Winkel. Diesmal war Szenik aber auf der Hut.

Letztlich war es wohl eine gerechte Punktteilung, wobei der SC Freiburg darüber etwas glücklicher sein kann als der HSV.

Taktische Erkenntnisse

Jetzt bin ich leider kein großer Taktikfuchs, dennoch möchte ich ein paar Beobachtungen zum Besten geben. Der SC baute meist mit einer Dreierkette auf. Ojukwu ließ sich dabei zwischen die Innenverteidigerinnen fallen. Sie dribbelte dabei immer wieder an und suchte oft den Pass ins Zentrum. Besonders im offensiven Drittel wäre die eine oder andere Verlagerung vielleicht die bessere Option gewesen. Gerade um die technisch gute Lisa Kolb in Eins-gegen-Eins-Situationen auf dem Flügel zu bekommen.

Gegen den Ball rückte Maj Schneider neben Luca Birkholz. Dadurch entstand ein klassisches 4-4-2. Das Problem der Freiburgerinnen war hier aber vor allem eine schlechte Abstimmung. Wenn eine der beiden Stürmerinnen die Verteidigerinnen anlief, wurde oft von hinten nicht konsequent nachgeschoben, wodurch immer wieder Räume entstanden. Der HSV konnte diese jedoch oft nicht so gut nutzen wie vor dem 1:1. Andere Teams in der Liga werden das aber gnadenlos bestrafen. Gerade Nikola Karczewska, die vom HSV immer wieder gesucht wurde, hat die Verteidigung vor einige Probleme gestellt. Ihrer Körperlichkeit war man kaum gewachsen und fast jedes Mal, wenn sie den Ball in den Fuß bekam, wurden die SC-Verteidigerinnen vor Aufgaben gestellt. In der ersten Halbzeit war es noch Alina Axtmann, die das einigermaßen souverän lösen konnte. In der zweiten Hälfte betraf es häufiger Jana Vojteková, die häufig den Kürzeren zog. So auch beim 1:1.

Marco Konrad ordnete das Spiel danach so ein:

„Es war durchaus drin, hier zu gewinnen. Wir haben richtig gute Phasen gehabt, haben die Hamburgerinnen aber selber wieder stark gemacht, wenn wir passiver wurden. Am Ende lag es an uns, weil wir nicht mutig genug waren, nicht mit genügend Überzeugung aufgetreten sind und den Gegner nicht genügend bespielt haben, um mehr Fehler zu erzwingen. Wenn wir das gemacht haben, hat Hamburg immer Schwierigkeiten gehabt. Das bis zum Ende durchzuspielen, ist natürlich auch eine Qualität, die wir uns im Training weiter erarbeiten müssen.“

Seine Aussage passt insgesamt ganz gut zu dem zuvor Beschriebenen. Ich habe nur Zweifel daran, dass die Intensität des hohen Anlaufens der ersten 15 bis 20 Minuten über ein ganzes Spiel durchzuspielen ist.

Was sonst noch auffiel

1) Reimann, Ojukwu und Memminger machen Mut

Anna Reimann zeigte bei ihrem Debüt eine souveräne Leistung. Der Eindruck war, dass sie eine spielstarke Torhüterin ist, die sich nicht scheut, auch am Aufbau teilzuhaben. Beim Rauslaufen war sie sehr mutig, wie sich in der Szene in der 15. Minute zeigte, als sie Axtmanns Fehler weit vor dem Tor ausbadete. Gleichzeitig fehlte ihr hier auch die letzte Konsequenz, um den Ball deutlich zu klären. Bei hohen Bällen strahlte sie viel Sicherheit aus. Ihre Bewegungsabläufe machen auf mich den Eindruck einer gut ausgebildeten Torhüterin. Sie war meist gut positioniert und hatte bei Flugparaden einen guten Abdruck, beispielsweise beim Gegentor. Da macht sie zwar den bekannten Auftaktsprung (Grüße an Manuel Neuer), kommt aber dann gut in den Flug und greift gekonnt über. Jedoch war der Abschluss einfach zu gut. Unterm Strich war da viel Positives zu erkennen und man kann sich auf die nächsten Spiele mit wachsender Abstimmung mit ihren Verteidigerinnen freuen.

Nicole Ojukwu wirkte gestern in Hamburg, als würde sie in der kommenden Saison der Dreh- und Angelpunkt des Freiburger Spiels werden. Mit 91 Ballkontakten hatte sie die meisten im Spiel. Immerhin 83 % ihrer Pässe fanden eine Abnehmerin. Sie scheint sich in dieser Rolle wohlzufühlen. Sie traf in ihrer Passwahl mutige Entscheidungen, so spielte sie gegen den HSV 13 Pässe ins Angriffsdrittel (als Vergleich: bei Momoko Tanikawa waren es am Freitag gegen Union Berlin 7, bei Janina Minge und Ella Peddermors gegen Nürnberg je 8). Mit drei herausgespielten Chancen war sie auch an einem Großteil der Freiburger Chancen beteiligt. Arbeiten muss sie aber noch an ihrer Entscheidungsfindung. Vielleicht wäre es in einigen Situationen besser gewesen, einen Pass ins Angriffsdrittel für eine Verlagerung und das Freispielen des ballfernen Flügels wegzulassen. Exemplarisch hierfür war die 21. Minute, als sie relativ viel Platz hatte und mit einem Pass nach links auf Kolb dort ein Eins-gegen-Eins hätte erzeugen können. Sie entschied sich jedoch für einen kurzen Steckpass auf die einrückende Memminger und der Angriff verpuffte.

Jene Emma Memminger zeigte aber ebenfalls ein Spiel, das Freiburg-Fans Hoffnung machen kann. Mit 12 defensiven Aktionen (ligaübergreifend hatte nur Mitspielerin Jana Vojteková mehr (13)) zeigte sie viel Einsatz. Mit acht Tacklings erreichte sie sogar einen Spieltagsbestwert. Das Positive daran: Von ihren 14 geführten Zweikämpfen gewann sie 13. Ins Offensivspiel dagegen konnte sie sich noch nicht wesentlich einschalten, anders als bei der U19-EM, als sie als offensivfreudige Außenverteidigerin aufgetreten ist und ins Team des Turniers gewählt wurde. (Wobei es in der Herangehensweise der deutschen Nationalmannschaft und des SC Freiburgs zugegebenermaßen nennenswerte Unterschiede gibt …).

2) Es fehlt an Abstimmung. Hinten wie vorne.

Wie bereits beschrieben, fehlte es oft an der Abstimmungen untereinander. Das zeigt sich bei den Innenverteidigerinnen aber auch in der Offensive. Konter wurden im Grunde gar nicht ausgespielt und verliefen sich aufgrund von Ungenauigkeiten und Unstimmigkeiten oft früh. Beispielhaft wurde das in Minute 57. Ojukwu und Kolb lösten nach Ballgewinn an der eigenen Eckfahne eine Situation auf und schaffen durch schnelles Umschalten eine Vier-gegen-Drei-Situation. Dann ist es Schneider, die zu lange brauchte, um Karl auf der rechten Seite zu finden und auch noch einen unsauberen Ball spielte. Auch Birkholz’ Laufweg war hier nicht ideal.

3) Der offensiven Außenbahn fehlt die Durchschlagskraft.

Lisa Kolb machte ein bemühtes Spiel und ließ ihr Können auch immer wieder aufblitzen. Das führte dann unter anderem zum Freistoß, aus dem das Tor resultierte oder zur beschriebenen Überzahlsituation. Allerdings ist es viel zu selten gelungen, sie in Szene zu setzen, damit sie solche Aktionen wie vor dem 1:0 kreieren kann. Verlagerungen von Ojukwu wären hier wieder ein Thema.
Am Ende kommt sie laut Sofascore auf nur ein Dribbling und 15 Pässe. Blickt man auf die Pass-Map, dann sind die wenigsten davon vertikal, mehr als die Hälfte sogar quer- oder rückwärtsorientiert.

Auf der anderen Seite sieht das Bild bei Alena Bienz ähnlich aus. Wobei sie durch die offensive Karl gut unterstützt wurde und das die Pass-Map deutlich abbildet (viele Pässe die Linie herrunter auf die hinterlaufende Karl). Sie kommt letztlich auf vier Dribblings, wovon aber nur eines erfolgreich war. Demgegenüber stehen dazu 15 Ballverluste.
Auf dem Flügel kann also deutlich mehr kreiert werden, wenn man mehr verlagert und Räume schafft. Gleichzeitig darf Lisa Kolb auch mehr ins Risiko gehen. Mit Emma Memminger hat sie scheinbar eine gute Absicherung hinter sich.

Fazit

Ein Spiel, das Potential zeigt, aber auch noch viele Fragezeichen offenbart. Unterm Strich aber eigentlich genau das, was man erwartet hat – mit allzu vielen Antworten, hatten wohl die wenigsten gerechnet. Über den HSV lässt sich wahrscheinlich exakt dieselbe Aussage treffen, deshalb war es ganz gut, dass diese beiden Teams zu Beginn aufeinandertrafen. Andere Teams hätten die vorhandenen Schwächen wahrscheinlich deutlicher und schonungsloser entblößt und genutzt.

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