Wir haben mit Tim Ecksteen (FC St.Pauli Podcast Millernton, Twitter, Bluesky, Mastodon) über St. Pauli gesprochen. Wie hat euch die Sendung gefallen?
Ich mag Tim sehr und werde die Sendungen mit ihm nächste Saison definitiv vermissen. Trotzdem habe ich eine inhaltliche Kritik und die bezieht sich auf die Trainerfrage.
Wenn ich ihn richtig verstanden habe, war sein Punkt, dass man bei einer Veränderung nie die Gegenprobe machen kann. Man könne also nicht sicher sagen, ob ein Trainerwechsel für den FCSP besser gewesen wäre, als an Blessin festzuhalten.
Mein erstes Problem mit diesem Argument ist, dass man damit letztlich gegen nahezu jede Veränderung argumentieren könnte. Denn eine echte Gegenprobe gibt es im Sport ja nie.
Der zweite Punkt ist für mich die sportliche Entwicklung selbst. Wie in der Sendung ja auch richtig herausgearbeitet wurde, stellte St. Pauli in den zwei Bundesliga-Jahren mit Abstand die schwächste Offensive der Liga. Mit einer derart harmlosen Offensive ist der Klassenerhalt langfristig kaum realistisch. Deshalb braucht es entweder eine Anpassung im Trainerteam oder falls diese nicht gelingt, eben einen Wechsel auf der Bank.
Als dritten Punkt würde ich auf die Auswirkungen der vielen Trainerwechsel in dieser Saison schauen. Gerade in einer Spielzeit mit ungewöhnlich vielen Veränderungen auf den Trainerbänken lässt sich zumindest beobachten, ob sich Ergebnisse verbessert oder verschlechtert haben.
-
Borussia Mönchengladbach: Seoane 1,00 PPS – Polanski 1,19 PPS
-
VfL Wolfsburg: Simonis 0,92 PPS – Daniel Bauer 0,80 PPS – Hecking 1,00 PPS
-
FC Augsburg: Wagner 0,93 PPS – Baum 1,50 PPS
-
Mainz 05: Henriksen 0,50 PPS – Fischer 1,67 PPS
-
Eintracht Frankfurt: Toppmöller 1,50 PPS – Riera 1,21 PPS
-
Werder Bremen: Steffen 0,90 PPS – Thione 0,93 PPS
-
- FC Köln: Kwasniok 1,00 PPS – Wagner 0,86 PPS
-
Union Berlin: Baumgart 1,10 PPS – Eta 1,40 PPS
Natürlich sind die Ausgangslagen bei jedem Verein unterschiedlich, und ein Trainerwechsel ist nie allein für Entwicklungen verantwortlich. Trotzdem sieht man, dass sich die Ergebnisse in vielen Fällen zumindest kurzfristig verbessert haben, wie etwa in Berlin, Mönchengladbach, Wolfsburg und ganz besonders natürlich in Augsburg oder Mainz. Deshalb halte ich die Aussage, ein Trainerwechsel bringe grundsätzlich wenig oder sei nicht bewertbar, für zu pauschal.
Weiß jetzt nicht, ob die Auflistung unbedingt deine These stützt, dass sich Ergebnisse in vielen(!) Fällen verbessert haben.
Ein PPS Anstieg von 0,03, 0,08 oder 0,19 würde ich jetzt nicht als relevant verbessert einordnen.
Bei Mainz und Augsburg wurden die Gründe inzwischen ausreichend besprochen.
Am Ende haben im unteren Tabellenbereich 3 Teams an ihren Trainern festgehalten, 2 davon sind abgestiegen (das andere hatte Luka Vuskovic
).
Diese beiden Teams haben allerdings einen Kaderwert der zusammen kaum höher ist als der vom 16. in aus der Marktwerttabelle.
Das ist eine faire Kritik an meiner Auflistung, da stimme ich dir zu. Ich hätte es anders ausdrücken sollen, und zwar eher in die Richtung, dass in den meisten Fällen, ein Trainerwechsel positive bis neutrale Auswirkungen hatte, denn eine Verschlechterung gab es bei Frankfurt, Wolfsburg (1x) und Köln, also in 3 von 9 Fällen. Hängt dann aber natürlich auch davon ab ob Blessin bleibt, das würde meinen Blickwinkel darauf verändern.
Lieber Tim, lieber Max,
ich schätze Euch beide sehr! Ich habe jetzt gut 58 Minuten der Sendung gehört, überwiegend mit großem Gewinn. Sehr bedenkenswerte Ausführungen zur Strategie von Sankt Pauli, die ich gut nachvollziehen kann! Vielen Dank dafür!
Ich musste jetzt dennoch das Hören unterbrechen, um einen Einwurf zur Statistik zu machen: Die Stochastik lehrt uns: statistisch ändert sich überhaupt nix an der Wahrscheinlichkeit des Ausgangs des nächsten Münzwurfs, wenn vorher x-mal Kopf kam. Bei einer ausbalancierten Münze ist zwar die Wahrscheinlichkeit, zehn mal hintereinander Kopf zu werfen, sehr niedrig, nämlich nur 1/1024. Aber nach neun mal Kopf ist die Wahrscheinlichkeit für den nächsten (zehnten) Kopf wieder genau 50%. Das erscheint vielen intuitiv komisch, ist aber so. Natürlich kommt irgendwann mal wieder Zahl, aber nicht mit höherer Wahrscheinlichkeit als vorher.
Ein Trainerwechsel muss daher nicht schon aus statistischen Gründen erfolgreich sein, er hat nicht schon aus statistischen Gründen höhere Aussicht auf Erfolg. Genausowenig wie ein Regentanz. Diese Behauptung stimmt einfach nicht, so sehr Ihr Euch daran erfreut habt.
Entschuldigung, das musste sein. Nun freue ich mich auf den Rest der Sendung und höre weiter.
Liebe Grüße!
Für mich zeigt es nur das 2 Trainerwechsel funktioniert haben. Mainz und Augsburg
Im Fall von Union macht die Veränderung auf eine Saison hochgerechnet 10 Punkte aus, bei Gladbach immerhin 5.
Ich denke auch der Punkt ist an der Stelle eigentlich ein anderer: Es ist völlig normal, dass Teams mal durch bessere und mal durch schlechtere Zeiten gehen. In besseren Zeiten wird normalerweise kein Trainer rausgeworfen. Wenn in schlechten Zeiten ein Trainer rausgeworfen wird gibt es zwei Möglichkeiten: Es bleibt gleich, dann tendieren wir dazu, die Gründe dafür anderweitig zu attribuieren. Oder es wird besser, zufällig gerade ungefähr zum Punkt des Trainerwechsels, dann tendieren wir dazu, das auf den Trainerwechsel zu attribuieren. Und deshalb bekommen wir den Eindruck es gäbe einen “Trainereffekt”.
Der Einwand ist wohl richtig, aber was Max und Tim besprechen, ist ja nicht wirklich ein Münzwurf.
Ich habe das Paper nicht gelesen, aber ich vermute stark, dass es um eine Regression zur Mitte geht. Der Regentanz- Vergleich kommt mir bekannt vor.
Wenn wir also bei den Münzwurf bleiben wollen, sagen wir mal, dass ein Fußballspiel aus 100 Münzwürfe besteht, welche die Trainer durchführen und wer häufiger Kopf wirft, gewinnt das Spiel.
Der aktuelle Trainer befindet sich in einer schlechten Form und in den letzten fünf Wochen hat er am Spieltag nie mehr als 25-mal Kopf geworfen. Wenn wir nun den Trainer entlassen und einen neuen Trainer einstellen, wirft er vielleicht im nächsten Spiel direkt 45-mal Kopf und dann im nächsten Spiel direkt 52-mal Kopf und wir klopfen uns gegenseitig alle auf die Schulter, dass der Trainereffekt real ist… Tatsächlich ist es eher eine Regression zur Mitte.
Bei der Frage, ob man die Arbeit eines Trainers mit dem werfen einer Münze vergleichen kann, wäre Sebastian Hoeneß sicherlich der bessere Ansprechpartner als ich.
Natürlich ist die Arbeit eines Trainers nicht mit einem Münzwurf zu vergleichen, das habe ich auch nicht getan.
Aber wir wissen alle, dass im Fußball der Zufall eine große Rolle spielt. Und die Diskussion bezog sich ja gerade auf die rein statistische Perspektive, die sich aus eben jenem Zufall speist. Natürlich kommt die Regression zur Mitte bei statistischen Verteilungen - aber wir wissen eben gerade nicht, wann. Wir wissen es nur relativ: bei großen Fallzahlen (Gesetz der großen Zahlen) sinkt die Wahrscheinlichkeit einer signifikanten Abweichung vom Erwartungswert.
Sicherlich hätte der Trainerwechsel nicht viel am Ausgang dieser Saison verändert, weil jeder neue Trainer durch die einseitige Kaderausrichtung auf ein statisches wie zentrumslastiges 3-4-1-2 mit Doppelspitze ohne Flügel hätte arbeiten müssen.
D.h. nach der Winterpause bzw. dem Wintertransferfenster war klar, dass die Saison mit Blessin beendet werden müsste, weil dessen Vorstellungen hinsichtlich der Kaderzusammenstellung wohl offenkundig diesen eindimensionalen wie lethargischen Kader geformt hat.
Andreas Bornemann ist für seine Arbeit über Jahre zu loben, allerdings ist diese Saison mit dem Double-Down auf das Blessin Zehner+Doppelspitzesystem vor die Wand gefahren worden.
Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die einseitige Festlegung auf dieses System und daran angeschlossene Kaderzusammenstellung einen Lock-In-Effekt ergeben hat, der nun ggf. auch jenseits der Personalie Blessin durchaus schwer reversibel sein könnte.
Wie ich im St.Pauli-Thread bereits angeführt habe, ist dieser Ansatz letzte Saison bereits zu Beginn probiert worden und war von 0,0 Erfolg geprägt.
Erst durch die Wiedergenesung von Elias Saad (Danke nochmals gen Mainz dafür, dass ihr weiterhin keinen Anlass zu sehen scheint, einen gewissen Defensivakteur hinsichtlich seiner rücksichtslosen Spielweise in den Griff zu bekommen) und der erfolgreichen Leihe von Noah Weißhaupt bzw. das klare Bekenntnis zum 343 mit echten Flügeln wurde dann so etwas wie „Offensivgefahr“ entwickelt.
Diese Saison musstest du auf Standards hoffen und hast anderenfalls Fußball zum Abgewöhnen geboten. Ja, du kannst als Underdog defensiv und primär disruptiv eine Saison angehen und ja, ich verstehe es, den Kader mit mehr Geschwindigkeit anzureichern.
Aber bei aller Zurückhaltung etc. kommst du halt nicht umher, dass diese Saison für viele Fans ein verlorenes Jahr war und es in aller Regel kaum bis gar keinen Spaß gemacht hat, Partien des Magischen FC zu verfolgen.
Jetzt gehst du mit einer statischen wie zentrumslastigen Mannschaft in Liga 2 und kannst nur hoffen, dass Wolfsburg oder die Eintracht wirklich auf den Trichter kommen, einem den Trainer aus dem Vertrag zu kaufen.
Ich habe nämlich diese Saison ausreichend 2.Bundesliga-Spiele gesehen, um festhalten zu können, dass du mit Blessins Vorstellung von „Offensivspiel“ einfach extreme Probleme haben wirst, gegen kompakte und das Zentrum verdichtende Konkurrenten ansatzweise zu bestehen.
Zurück zu den Lock-In-Effekten kommend musst du nun wirklich schauen, wie du als Sportvorstand diesen Kader managen kannst und wer auf Blessin folgen könnte. Zur Vergewisserung: Stand heute stehen sechs Innenverteidiger, acht zentrale Mittelfeldspieler und vier Mittelstürmer im Kader, während auf den offensiven Außen niemand zu verzeichnen ist.
Wahl, Smith, Saliakas und Fujita könnten den Club neben den feststehenden Sinani, Vasijl und Mets verlassen. Spieler wie Nemeth, Robatsch, Spari, Banks, Ahlstrand, Schmitz, Schmidt, Stevens und Hara waren entweder die gesamte Saison verletzt, verliehen oder außenvor und müssen nun entweder re-integriert oder abgegeben werden.
Dafür muss dringend wie zeitnah feststehen, wer die kommende Saison auf der Bank verbringen wird und welche Profile dessen Spiel bedürfe. Ich hoffe aktuell inständig darauf, dass die öffentlichen Bekenntnisse zu Blessin Part eines Pokers hinsichtlich von Ablösen ist und man sich vor allem die Abfindung sparen möchte.
Ja, er kann sicherlich Mannschaften stabilisieren und soliden Fußball spielen lassen. Nach dieser Saison möchte ich persönlich aber nicht in der Gewissheit in die Sommerpause gehen, dass die systembedingte offensive Ladehemmung auch in Liga 2 zu drohen scheint.
Aktuell sind noch spannende Trainer am Markt, mit denen ein (spielerischer) Neuanfang gewagt werden kann. Nochmal dieselbe flügellose Lethargie auf Rezept halte ich nicht mehr aus…
Saad hatte nach seiner Genesung kaum Anteil am Erfolg. Und vorher nur beim Spiel in Freiburg.
„Echtes Flügelspiel“ haben wir zu keinem Zeitpunkt in der letzten Saison gesehen. Und die Qualität von Afolayan, Saad und Weißhaupt kann man sich auf den Bänken der 2. Bundesliga und der Championship ansehen.
Ich bin froh, dass die Saison für St. Pauli vorbei ist - und habe deshalb keine Lust, hier lange und en detail zu schreiben. Trotzdem danke für diese schöne Sendung! Tim und Max höre ich einfach immer wieder gern im Gespräch. Hoffentlich hören wir Tim dann im kommenden Jahr auch häufig bei Eva.
Schöne Sendung, wie immer im Rasenfunk, vielen Dank dafür. Bei der Diskussion um Blessin hat mir ein Faktor gefehlt: das Verhältnis zwischen Trainer und Team, und im Team untereinander. Sicher, das ist oft nur Rätselraten, keiner weiß wirklich was los ist. Aber wenn der Trainer in Pressekonferenzen mehrfach die Schuld an Niederlagen auf die Mannschaft abwälzt kann ich mir kaum vorstellen, dass die Spieler das toll finden, richtig motiviert sind und alles reinhauen. Die Pressekonferenz nach Heidenheim war für mich die Erweckung aus dem “nur an Blessin festhalten und alles wird gut” Traum. Ich war im Stadion und die Gesichter der Spieler nach dem Spiel sprachen Bände. Und ob Trainerwechsel jetzt im Allgemeinen und messbar einen Erfolg garantieren oder nicht ist da echt egal - wenn der Trainer die Schuld bei der Mannschaft und nicht (zumindest auch) bei sich selbst sucht, kann er weg und es wird zumindest nicht schlimmer. Dass Saad und Weißhaupt weg sind, dafür kann Blessin nichts, aber Dapo hat er vergrault (braucht immer zwei Seiten, klar, aber so schlecht war Dapo gar nicht) und dem Rest des Teams (das mit ihm aufgebaut worden ist) konnte er nicht beibringen wie man Tore schießt.
Keiner dieser Spieler hat nachgewiesen, dass er uns in dieser Saison geholfen hätte. Und ausschlaggebend für Dapos Abgang dürfte die Auseinandersetzung vor dem Spiel in Bremen gewesen sein.
Die 1,00 PPS für Seoane sind nicht korrekt.
Er wurde nach dem dritten Spieltag mit nur einem Punkt entlassen (0,33 PPS). Das führt zwar zum krassesten Unterschied zum Nachfolger, ist aber aufgrund der kleinen Sample-Size nur eingeschränkt aussagekräftig.
Insgesamt erreichte er in 71 Bundesligaspielen mit Borussia 80 Punkte (1,13 PPS).