Dann ist es hier auch Zeit für ein Hinrundenfazit.
Mit Platz drei nach der Hinrunde und Platz 1 in der Heimtabelle (hier haben aber nicht alle Mannschaften gleich viele Spiele) hat man denke ich alle Erwartungen vor der Saison (über)erfüllt. Was definitiv anders ist als letzte Saison ist die taktische Flexibilität. Auch wenn es definitiv sowas wie einen Kern der Startelf gibt, spielt Darmstadt kaum zwei Spiele hintereinander mit der gleichen Taktik. Auffällig sind natürlich die Wechsel zwischen Vierer- und Fünferkette hinten, aber auch während der Spiele und innerhalb der Grundaufstellungen gibt es oft taktische Umstellungen. Diese Flexibilität unterscheidet Darmstadt aus meiner Sicht von vielen anderen Zweitligisten, die - was ich so über Konferenz und Rasenfunk usw. mitkriege - schon oft eher ein einzelnes System spielen. Diese Flexibilität ist für Darmstadt definitiv eine neue Entwicklung, die eng mit Kohfeldt verbunden ist, der ja vor dieser Saison das erste Mal eine richtige Saisonvorbereitung hatte (auch die Winterpause letztes Jahr war ja sehr kurz). Mediale Aufmerksamkeit bekommen hauptsächlich die Offensiven mit Lidberg, Hornby, Corredor und in den letzten Spielen auch Richter und teilweise die Abwehrkette mit den Innenverteidigern Pfeiffer, Maglica und Vukotic. Oft unterm Radar, aber extrem wichtig gerade für die verschiedenen Systeme und den Wechsel dazwischen sind aber auch die zentralen Mittelfeldspieler Klefisch und Akyama, die teilweise ergänzt/ersetzt werden durch Papella und/oder Will. Die schwächste Saisonphase im Oktober fiel glaube ich nicht zufällig mit einer Verletzung von Kleefisch zusammen.
Im Unterschied zu vielen Vorsaisons habe ich den Eindruck, dass Darmstadt bei Wechseln gleichwertig nachlegen kann, was definitiv auch für die Arbeit von Paul Ferny spricht. Im Vergleich zu den Vorjahren ist auch das “Verletzungspech” deutlich geringer und langfristige Ausfälle konnten bisher vermieden werden. Kohfeldt ist auch eher vorsichtig, was Einsätze von Spielern angeht, die aus Verletzungen kommen und kommuniziert das auch nach außen. Dass man vor dem letzten Hinrundenspiel keinerlei verletzte Spieler im Kader hat, ist durchaus bemerkenswert. Ob es auch Änderungen in der medizinischen Abteilung gab, weiß ich allerdings nicht.
Noch ein Wort zu Kohfeldt: Neben seiner Weiterentwicklung der Mannschaft kommuniziert er meiner Meinung nach wirklich gut und sofern es in dem Job möglich und sinnvoll ist wirklich offen. Im Interview bei Sky gestern hat er zum Beispiel auch klar benannt, dass ihm die zweite Halbzeit seiner Mannscahft nicht gefallen hat, wobei das gelang ohne jetzt einzelne Spieler unter den Bus zu werfen. Gerade mit dem vollen Kader und “Härtefallentscheidungen” muss auch die interne Kommunikation gut sein, sonst steht eine Mannschaft nach 17 Spielen nicht da wo Darmstadt nicht steht. Er mag nicht so ein “Menschenfänger” wie Lieberknecht sein, aber auf seine Art passt er finde ich sehr gut nach Darmstadt und identifiziert sich glaubhaft mit dem Verein.
Mit nur zwei Liganiederlagen und einem Ausscheiden im Achtelfinale des Pokals in Freiburg kann man sportlich sehr zufrieden mit der Saison sein, auch wenn durchaus noch mehr drin gewesen wäre (spielt man gestern wie in der ersten Halbzeit weiter gewinnt man in Paderborn, in Kaiserslautern bringt man den Gegener vollkommen unnötig zurück ins Spiel und verliert etc.).
Stimmungsmäßig das Highlight war sicher das Pokalspiel gegen Schalke mit dem wirklcih dominanten 4:0 Sieg gegen eine Mannschaft, die bis heute in der Liga nur 8 Tore kassiert hat.
Wäre man nicht so ein ruhiger Standort hätte es außerhalb des Platzes durchaus die Möglichkeit für mehr Unruhe gegeben. Im März trennte man sich vom langjährigen Cotrainer Kai-Peter Schmitz (seit 2016 im Verein), im April von Dimo Wache als Torwarttrainer (seit 2013 im Verein) und vor einer Woche von Michael Stegmayer, der von 2012-2016 als Spieler Teil der Mannschaft war, die den Durchmarsch vom Abstiegsplatz in der dritten Liga bis zum Klassenerhalt in der ersten Liga schaffte, und nach dem Karriereende als Funktionär (“Leiter Lizenzspielerabteilung”) tätig war. Im Umfeld sorgten diese Personalentscheidungen durchaus für Verwunderung (der Fall von Kai-Peter Schmitz landete vor dem Arbeitsgericht und aus der Kommunikation rund um die Trennung von Stegmayer ist eindeutig, dass die nicht einvernehmlich geschah), aber da Darmstadt medial nicht die Aufmerksamkeit von Schalke, Hertha oder auch “nur” Karlsruhe bekommt, hält sich die Unruhe letztlich in Grenzen.
Gelingt in der Rückrunde eine ähnliche Leistung wie in der Hinrunde, spielt man auf jeden Fall sehr lange oben mit. Ob ein Aufstieg wirklich wünschenswert ist, da bin ich selbst zwiegespalten und nehme das auch bei anderen Fans so war. Die letzte Bundesligasaison hat definitiv weniger Spaß gemacht, als so eine normale Zweitligasaison mit einem echten Wettbewerb. Gleichzeitig möchte man natürlich möglichst jedes Spiel gewinnen und wenn das gelingt, steigt man am Ende auf. Punktemäßig steht man aktuell auf jeden Fall zwischen den Werten, die man bei den letzten beiden Aufstiegen zum gleichen Zeitpunkt hatte.