Tribünengespräch 128: Fußballgeschichte(n) erzählen

Ronald Reng und Tobias Escher haben über für die deutsche Fußballgeschichte wichtige Ereignisse geschrieben. Wie nähern sie sich einem solchen Stoff, wie funktioniert Erinnerung im Fußball und haben Sportereignisse eine gesellschaftliche Relevanz? Darüber haben wir mit ihnen gesprochen.

Wie hat euch die Folge gefallen?

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Natürlich muss ich das hören (Jg. 60). Logisch. Und prompt in den Anfang reingrätschen (ohne zu checken, ob es jemand bereits auf einer anderen Plattform richtiggestellt hat): NEIIIIN, Max @GNetzer , „Müller - und zwei-eins!!“, das ist nicht die DDR-Version, sondern natürlich Rudi Michel als Fernsehkommentator in der ARD gewesen! Hat sich mir einfach schon am 7.7.74 unauslöschlich eingeprägt…:heart_eyes:

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Und noch eine kleine Korrektur: Nicht „manchmal“ rekonstruieren wir unsere Erinnerungen neu - IMMER! Immer!

Wichtig ist stets die Frage - welche Geschichte will ich eigentlich mal mir erzählen…:grinning_face_with_smiling_eyes:

So, und jetzt Klappe gehalten und erstmal hören…!

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sehr interessante Folge, vielen Dank!

Zur Frage, woher die Kampfschwein- und die Amateurismus-Ideologie kommen, wäre meine Perspektive immer gewesen, dass das aus der nationalistischen Turnbewegung des 19. Jahrhunderts stammt.

Die maßgeblichen Kräfte im DFB haben sich, ich denke das ist historisch recht gut belegt, dem deutschen Nationalismus von Anfang an recht stark angebiedert, um dem Vorwurf der unpatriotischen „Engländerei“ zu begegnen. Somit sollte der deutsche Fußball in den Dienst der „Wehrhaftigkeit des deutschen Volkes“ gestellt werden.

Nicht verwunderlich, dass es auch eine direkte Linie (ideologisch wie personell) von der nationalistischen Turnbewegung zum Nationalsozialismus gibt, dort wurden diese Ideale wie wir wissen ganz besonders überhöht, und daran ist auch die Einführung einer Reichsliga gescheitert.

Es ist kein Zufall, dass die oft beschworenen „deutschen Tugenden“ im Fußball dieselben sind, mit denen man auch einen Angriffs- und später einen Abnutzungskrieg führt (mich wundert ja, dass ihr es nichtmal beim Wort „Kampfschwein“ angesprochen habt).

Dass diese „deutschen Tugenden“ 9 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs immer noch präsent waren, überrascht mich jetzt nicht, aber sie sind leider auch heute wieder (oder noch) en vogue. Und ehrlich gesagt: schon im WM Finale 2014 hat mich die Rezeption von Bastian Schweinsteigers Leistung unangenehm berührt. Ausgerechnet am Höhepunkt der Karriere von Jogi Löw, der dem deutschen Fußball die Kriegstugenden austreiben wollte – wie ironisch ist das denn…

Übrigens: die Arbeiterbewegung hat sich in vielen Ländern dezidiert für die Einführung des Profifußballs eingesetzt, weil erst dadurch Arbeiter zu Spitzenfußballern werden konnten, sie konnten es sich vorher (zeitlich wie finanziell) schlicht nicht leisten. Der hehre Geist des unkommerziellen Amateursports war vor allem auch ein Weg, das Proletariat vom Fußball (bzw. vom Sport allgemein) fern zu halten.

Davon hat sich, finde ich, die Fraktion der Fußballromantiker:innen auch nie ganz freimachen können, das merkt man oft an der Art der Argumentation.

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Es war einer der besten Folgen (aus allen Feeds) die der Rasenfunk die ich gehört habe. Auch aus dem Grund da es zwar in erster Linie um Fußball ging aber ihr auch über denn spannenden Zusammenhang von Fußball und Politik gesprochen habt. Ein weitere Grund meiner Begeisterung war, dass ich noch nicht viel über die ganzen WMs wusste (auch weil ich noch nicht so alt bin) und da sehr viel neues erfahren habe.

Ich finde es sehr beeindruckend das der Rasenfunk letztes Jahr 300 Folgen herausgebracht hat und wollte es einmal betonen wie angenehm es ist einen Podcast ohne Werbung zu hören.

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Ich empfand die Folge hervorragend. Super interessant und spannend. Tolle Folge. Herzlichen Dank Max, Tobi, Ronny. Gerne mehr solcher Gespräche, die versuchen eher das “große Bild” zu zeichnen und sich etwas “anders an das Thema Fußball heran trauen”. :+1:

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Wieder eine sehr interessante und gut zu hörende Folge, vielen Dank.

Was die unterschiedliche Wahrnehmung und Erinnerung angeht, in dem was ich von 2006 erinnere haben schon einige italienische Gaststätten einiges an Hass nach dem Halbfinalsieg abbekommen.

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Mir hat die Folge sehr gut gefallen: Ich habe sie mir zweimal angehört, weil ich sie informativ und sehr interessant fand.

Dazu habe ich gestern Ronald Rengs “Der deutsche Sommer” zuendegelesen und kann das Buch nur sehr empfehlen!

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So, nach Wochen oder vielmehr Monaten, mit einer anstrengenden WM dazwischen (ich „musste“ auch viele Spiele unbedingt sehen, wenn sie mitten in der Nacht waren) mal mein take - ich knüpf an @ArthurFriedenreich an, möchte aber alle hier ansprechen (der Kreis ist ja klein genug :flushed_face::roll_eyes:).

Bin, wie schon erwähnt, Jg. 60, es könnte sein, dass ich in diesem Faden vorerst der Älteste bin (?). Das macht mich nicht per se zum Besser-Wissenden gegenüber denen, die für die Jahre, die ich bereits selbst bewusst mitbekommen habe, Quellen studiert haben. Wahrscheinlich macht es mich zum Besserwisser :see_no_evil_monkey: - sorry schonmal, falls das Folgende dumm rüberkommt.

Es geht ja um die Konsistenz der Narrative, und ich habe den Eindruck, diese ist nicht in allen der hier schon angesprochenen Themen gegeben. ZB sehe ich nicht unbedingt einen klaren Faden, der vom Nationalismus der Kaiserzeit bruchlos zur Überhöhung der sog. „deutschen Tugenden“ bis ins Jetzt führt. Richtig ist zweifellos, dass der DFB immer wieder Personal aufbot, das in einen solchen Erzählfaden gut hineinpasste, ich nenne mal beispielhaft Peco Bauwens und Hermann Neuberger.

Nun muss ich erstmal selbst in Quellen aus einer Zeit, die ich gar nicht erlebt habe, hineingehen. ZB die kicker-Ausgaben nach dem Gewinn der WM 1954 (über das E-Archiv zugänglich mit kicker+), aber auch „Das Bilderbuch von der Fußball-Weltmeisterschaft 1954“, das gar nicht so viele Bilder, vielmehr Texte aus der Feder vieler österreichischer Nationalspieler enthält. Diese Texte wurden unmittelbar nach dem Turnier geschrieben, dürfen also als ein Teil der seinerzeitigen Wahrnehmung gelten, die natürlich dennoch subjektiv ist. Die Österreicher attestieren den Deutschen bei deren Endspielsieg „Tüchtigkeit“ sowie „Kondition und Kampfkraft“, aber eben auch eine herausragende Leistung der „drei Spielmacher“ Fritz Walter, Schäfer und Rahn. In den Nachberichten im kicker finden sich die Anfänge zweier Fäden, zum Einen den bekannten, den ich mal unter dem Begriff „kämpferische Durchschlagskraft“ zusammenfasse, aber eben auch einen ganz anderen, der davon spricht, wie die Deutschen ihre zwingende körperliche Unterlegenheit durch spielerische und kombinatorische Qualität zu kompensieren gewusst hätten. Wie das?! Erklärt wird es mit der bereits erfolgten Professionalisierung des Fußballs in den meisten anderen Ländern; es wurde angenommen, dass die Profis von Haus aus fitter sein müssten als die (fast noch) Amateure des DFB, die ja alle einer Erwerbstätigkeit nachgehen mussten. - Nun wissen wir immerhin aus den Büchern von Fritz Walter, wie sich die Spieler und nicht zuletzt er selbst z. T. in Eigenverantwortung vor dem Turnier fit machten. Ich finde es trotzdem erwähnenswert, dass damals das Narrativ „Kampfkraft schlägt Klasse“ durchaus nicht dominant war. Und ein Blitzlicht aus den noch erhaltenen bewegten Bildern vom Endspiel 1954: da klärt ein deutscher Verteidiger (ist es Posipal?) an der Strafraumgrenze mal locker mit einem Rainbow.

Bruch hier: Das allererste Fußballspiel, das ich gesehen zu haben erinnere, war das WM-Finale von 1966, ohne dass ich irgendetwas noch konkret abrufen kann. Außer, dass die (bei Nachbarn) mitschauenden größeren Jungs zweimal hochsprangen. Konkret wird‘s für mich ab 1969 (erster Stadionbesuch, VfB-Bayern 3:0), und ich denke, dass ich zu den 1970ern was beizusteuern habe.

Vor allem, dass die Qualitäten der deutschen Nationalmannschaft keineswegs vor allem über das Kämpferische definiert wurden. Ja - da waren die Spiele gegen England und Italien 1970, die (mit der zusätzlichen Erinnerung an den Last-Minute-Ausgleich im Finale 1966) den Ruf begründeten, dass das deutsche Team erst mit dem Abpfiff geschlagen sei, was durch die zwei Spiele in Jugoslawien 1976 (EM mit 2 Ausgleichen nach 0:2-Rückstand) noch bestärkt wurde. Dennoch bezogen sich die Ansprüche und die Kritik oft aufs Spielerische. Aus meiner subjektiven Sicht nicht zu Unrecht, denn qualitativ standen immer hervorragende Spieler zur Verfügung, sowohl im Mittelfeld mit Flohe, Overath, bis 1974 noch Netzer, phasenweise Bongartz, später Magath und Hansi Müller sowie ab 1979/80 Bernd Schuster, als auch im Sturm mit bis 1974 Gerd Müller, Jupp Heynckes, eine Zeitlang Klaus Toppmöller, dann Dieter Müller, Klaus Fischer, Rummenigge und Klaus Allofs, sowie Verbindungsspieler wie Uli Hoeneß, Hölzenbein, bis 1974 ein spielender Außen wie Grabowski…ich gleite ins name dropping ab, aber da waren massenhaft gute bis sehr gute Spieler, die man international vorzeigen und von denen man etwas erwarten konnte.

Passend dazu auch der Radiokommentar von Eberhard Stanjek nach dem verlorenen Elfmeterschießen gegen die CSSR: Kein Wort über die kämpferische Leistung und die zwei Aufholjagden; vielmehr nüchtern: die deutsche Mannschaft hätte schon im Halbfinale und auch im Finale mit dem späten Ausgleich viel Glück gehabt, das nun bei den Elfmetern wohl aufgebraucht gewesen wäre. Verhaltene Kritik an der spielerischen Leistung im Ganzen.

Vor ca. 6-7 Jahren las ich „Vom Libero zur Doppelsechs“ von @Taktikfuchs123 - erstmal danke dafür, es ist herausragend, und ich stelle es sogar neben bis über „Inverting the Pyramid“ von J. Wilson. Es gibt einen Punkt, an dem ich anderer Meinung bin:

Die Krise des deutschen Fußballs begann nicht, wie im Buch formuliert, in den 90er-Jahren. Sie begann bereits in den 80ern, nach dem EM-Sieg von 1980 bzw. nach der Mini-WM zum Jahreswechsel 80/81 in Uruguay.

Die Europameisterschaft wurde mit einer vor allem im Finale spielerisch hochklassigen Leistung gewonnen, mit einem Angriff mit Rummenigge-Hrubesch-Allofs sowie zwei Spielmachern, nämlich Hansi Müller und Bernd Schuster. Zugleich war 1980 das Jahr, in dem im UEFA-Cup ab dem Halbfinale vier Bundesligisten unter sich waren. Wenn Beckenbauers Spruch vom Auf-Jahre-hinaus-nicht-schlagbar-Sein überhaupt je gepasst hätte (man beachte bitte, dass ich hier den Irrealis verwende), dann in der subjektiven Wahrnehmung Vieler im Sommer 1980. Zumal die Nationalmannschaft seit Derwalls Amtsübernahme nach der WM 1978 noch ungeschlagen war.

Zur Mini-WM wollte man eigentlich gar nicht unbedingt hin, die Teilnahme am 50-jährigen Jubiläum der Fußball-WMs war aber aus Gründen der Etikette unerlässlich, vor allem eben, weil die Bundesrepublik den ganz klar führenden europäischen Verband hatte.

Im ersten Spiel trat die deutsche Mannschaft bravourös auf, führte gegen Argentinien lange mit 1:0, kassierte aber zwei ganz späte Tore, darunter ein Slapstick-Eigentor zum Ausgleich. Anschließend verlor man gegen Brasilien mit 1:4, und das ließ die Stimmung komplett kippen. Wohlgemerkt, nach zwei Spielen, die sportlich und fußballhistorisch die geringstmögliche Bedeutung hatten!

Die spielerischen Qualitäten der Mannschaft galten plötzlich als „zu verspielt“. Man rief nach einem Chef im Mittelfeld, der erstmal das Zepter schwingen müsse. So ließ Derwall sich Paul Breitner in die Mannschaft zurückschreiben.

Damit endete Anfang 1981 schlagartig eine Phase, die einen neuen spielerischen Aufbruch anzukündigen schien. Kein Vorwurf dabei an Breitner - er übernahm die Rolle wie ausgeschrieben. Aber mit der spielerischen Varianz und dem schwer ausrechenbaren Offensivspiel war‘s damit vorbei.

Somit wurden die 1980er in Deutschland die Jahre, in denen die Betonung des Kämpferischen um sich griff. „Schlecht gespielt“ wurde immer noch registriert, aber mehr und mehr entschuldigt, wenn wenigstens „gut gekämpft“ worden war. Das ist das, was ICH als „Niedergang“ bezeichnen würde. Es war auch die Zeit einer starken Regression in vielen Vereinsmannschaften, wo zum Teil allen Ernstes abgewogen wurde, welchen der zwei Techniker im Kader man im Spiel aufstellen würde - dass es beide sein könnten, war an manchen Standorten ein absurder Gedanke. (Klaus Schlappner beim SV Waldhof: „Hayer oder (Michael) Zeyer - du kannsch bloß ään heiraade!“) Gute Techniker, die es eigentlich die ganze Zeit über gab, standen erstmal unter dem Generalverdacht, in heißen Matchsituationen überfordert zu sein (man müsste dazu mal Uwe Bein mit Blick auf seine Rolle im WM-Kader 1990 befragen…). Oder um es anders zu formulieren: Erst ab da (1981) wurde auch die Geschichte der Nationalmannschaft umerzählt.

Gute Turnierresultate (3 WM-Finals 1982-86-90, Halbfinale EM 88, Finale EM 92, EM-Sieg 1996) vertuschten den generellen spielerischen Abstieg, der 1998 bei der WM in Frankreich und vor allem 2000 bei der EM offenbar wurde. Ich gehe, sicherlich bestreitbar, davon aus, dass hier der Bruch von 1981 seine Langzeitwirkung entfaltete.

Erst seit Klinsmann und vor allem seit 2006 und der Amtsübernahme von Löw wurde wieder dezidiert die Entwicklung des Spielerischen angegangen. Löw wollte übrigens @ArthurFriedenreich den Deutschen deren Tugenden nicht „austreiben“. Er wies nur darauf hin, dass diese Tugenden schon länger keine „deutschen“ mehr seien, sondern allen Mannschaften, die etwas gewinnen wollen, eigen seien. Sie seien Grundvoraussetzungen.

Und wenn man dieses von mir versuchte Ganze in den Blick nimmt, ergibt sich - für mich - logisch, dass vieles von dem, was Altinternationale in den letzten Wochen nach dem Ausscheiden von sich gaben, einfach nur entsetzlicher Mist ist. Dies wäre allerdings nicht hier zu diskutieren.

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Als jemand, der in den Achtziger Jahren fußballerisch sozialisiert wurde (erstes bewusstes Turnier besagte EM 1980, wenn man mal absieht vom Paninibildersammeln und dem Wundern über die Cordoba-Reaktionen 1978) kann ich dir nur voll zustimmen und danke auch für die Ergänzung/Ausführung meiner stellenweise etwas zu zugespitzt formulierten Gedanken.

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Sehr interessanter Beitrag.

Ich gebe für die Jahre nach der EM 1980 zu bedenken, dass der seinerzeit überragende deutsche Mittelfeldspieler, Bernd Schuster, aus verschiedenen Gründen nicht teilnahm und bei den WM Turnieren '82 und '86 Verletzungen von Schlüsselspielern wie K.H. Rummenigge die spielerischen Möglichkeiten einschränkten.

Es ist vielleicht etwas zu dünn, alles an einer Person festzumachen, aber mit Schuster hätte das Spiel in den 80ern eine andere Note bekommen. Ich habe keinen Zweifel: Bernd Schuster wäre Kapitän der WM-Elf von 1990 geworden, hätte er es nur gewollt.

(Übrigens: Rudi Völler hat wohl mal zu Schuster sinngemäß gesagt: Wärst du damals dabei geblieben, wärst du heute Weltmeister. Dies erzählte Bernd Schuster in einem IV - ist noch gar nicht so lange her.)

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Zu Schusters „Verschwinden“ aus der Nationalmannschaft (wobei ich glaube, eine knappe Handvoll Male hätte er noch gespielt) gibt es zwei Geschichten: a) die der Entfernung von Schuster aus der Mannschaft durch Derwall, nachdem Schuster ein inoffizielles Mannschaftstreffen nach einem Spiel in Stuttgart ausgelassen hätte (wofür er aber plausible Gründe gehabt haben soll); b) Schusters freiwilliger Rückzug im Zorn, weil Breitner alles an sich gerissen habe („Ich bin nicht Breitners Rasenmäher“).

Ich habe das in meinem Beitrag nicht ausgewalzt, aber natürlich spielt es eine große Rolle, dass Schuster, wie und warum auch immer, ausschied. Seine Anwesenheit auf dem Platz neben anderen Technikern wie Hansi Müller und Felix Magath sorgte für die von mir erwähnte Varianz; Breitner hätte die Mannschaft durchaus verstärken können, wenn er, beispielsweise als defensiver Mittelfeldspieler, sich eingeordnet hätte. Aber dafür war Breitner nicht der Typ, und man verlangte auch etwas anderes von ihm.

Ne, ist es nicht, bzw. mach ich ja auch, indem ich ex negativo das zentrale Thema bei Paul Breitner sehe - wobei ich, nochmal, nicht das Persönliche meine, sondern die Rolle, die man ihm zuschrieb und die er bereitwillig annahm. Man definierte, dass es einen Chef geben müsse - die EM-Elf hatte den in dem Sinne nicht.

Schuster wäre viel mehr ein „Erster unter Gleichen“ gewesen, zumindest bis 1986. Er war bei all seiner Klasse gar nicht der, dessen Kommandos man bis in die letzte Ecke des Platzes gehört hätte. Um ihn herum hätte sich eine hochklassige Spielkultur, die man 1980 in ihren Anfängen sah, entwickeln können.

(Eine damit zusammenhängende Frage wäre allerdings - gerade mit Schuster in der Mannschaft, der in seinen ersten Jahren oft zwischen Libero und Mittelfeld pendelte -, ob man in den 1980ern die eigentlich fällige Entwicklung hin zu einem Spiel mit Abwehrkette eingeschlagen hätte (die man bekanntlich bis in die Nullerjahre hinein verweigerte). Gerade angesichts der Personalie Schuster, der doch um 1980 herum als DER Nachfolger Beckenbauers galt, und angesichts dessen, dass man speziell in D Fußball ohne Libero gar nicht denken konnte (was wiederum mit Beckenbauer zusammenhing), ist das ungewiss bis eher unsicher.)

Zu Rummenigge, stimmt, der war sowohl 1982 als auch 86 nicht voll bei Kräften. In der Halbzeitpause des Endspiels gegen Italien soll ja Stielicke Rummenigge aufgefordert haben, sich auswechseln zu lassen, worauf angeblich Rummenigge Geld bot für den, der sich traute, Stielicke eine zu scheuern…Da er der beste deutsche und einer der besten internationalen Stürmer war, war seine Schwächung auch eine der Mannschaft, unbestritten. Allerdings muss man auch dazu sagen, dass Beckenbauer von Möglichkeiten Abstand nahm, die er gehabt hätte, zB war 1986 Uwe Rahn im Kader, der absolut im Momentum war, wie man heute sagen würde, aber er bekam keine Chance.

Zum Thema Libero gab es in der Sendung mit Christian + Max zu den aktuellen Entwicklungen in Italien einen interessanten Hinweis, der sich auf Franco Baresi (RIP) bezog. Hier heißt es: Franco Baresi - ein Libero der alten Schule, schaffte mit Milan unter Sacchi den Übergang in die Neuzeit.
Vielleicht hätte man in Deutschland in den 80ern auch einen Sacchi gebraucht. Dafür bekam man Beckenbauer und der war ein Ergebnistrainer und Pragmatiker, der zur WM 1990 Augenthaler hinten reinstellte. Den hat die Schönspielerei nicht interessiert… - behaupte ich jetzt mal.

Vielleicht hätte er, wäre Schuster zur Verfügung gestanden, der schönspielerei wegen, diesen als Libero aufgestellt und wäre dann niemals Weltmeister geworden!?

Was ich damit sagen will: Ich finde eure Spekulationen komplett daneben!
Einer WM Elf mit Schuster hätte evtl die Balance gefehlt und wäre nie in die Nähe eines Titels gekommen. Sokrates hat auch nie eine WM gewonnen!

Dass ich spekuliere, habe ich ja zugegeben. Nicht spekulativ und nicht verhandelbar ist allerdings das, was Anfang 1981 passierte, denn das sind Tatsachen, die auch durch Betrachten der Spiele der damaligen Zeit belegbar sind: Bis dahin spielte die Nationalmannschaft spielerisch stark und variabel, sogar mit einem Titelgewinn (den man damals, das ist mir bewusst, nicht auf das Level eines WM-Gewinns heben kann); ab dem Switch zu einem Ein-Chef-Spiel war es mit dem spielerischen Glanz vorbei.

Edit an dieser Stelle: Die Spekulation, Schuster wäre 1990 mit Weltmeister geworden, teilt ja anscheinend immerhin auch Rudi Völler. (Ich bin mir überhaupt nicht sicher, ob die Mannschaft genau 1990 Weltmeister geworden wäre - das Zeug, es zu werden, hätte sie vielleicht schon 1982 oder 1986 haben können, nach einer ganz anderen Entwicklung als der stattgfundenen - heieiei, ich spekuliere schon wieder.)

Du schreibst selbst „evtl“ - du spekulierst also auch. Legitimerweise.

Der Kontext, in dem wir uns hier bewegen, ist ja die Frage: Wann und wie entstand eigentlich die Erzählung, eine deutsche Nationalmannschaft sei zwar spielerisch nicht besonders gut, kompensiere das aber durch das kämpferisch-physische. Und mein take dazu ist: Eigentlich erst in den 80er-Jahren. Inwieweit das „Ein-Chef-Spiel“ da eine Rolle gespielt haben mag, soll offen bleiben - auffällig ist für mich, dass es zeitlich zusammenfällt.

Vielleicht noch was zu Sócrates und Brasilien: So wie du ihn neben Schuster stellst, könnte man es so verstehen, als hätte Brasilien mit Sócrates in ähnlicher Weise die Balance gefehlt wie sie Deutschland 1990 mit Schuster gefehlt hätte. Ich glaube aber nicht, dass du das meinst. Eher so: Die individuelle Klasse von Spielern reicht alleine noch nicht, um Titel zu gewinnen. Dem würde ich zustimmen.

Meiner persönlichen Meinung nach war Brasilien 1986 noch eher titelreif als 1982 (auch wenn das der allgemeinen Meinugn widersprechen mag); mir kommt immer wieder ins Gedächtnis, an welch seidenem Faden das Ausscheiden im VF gegen Frankreich hing, als Zico in der regulären Spielzeit einen Elfer verschoss, dessen Verwandlung mit sehr großer Wahrscheinlichkeit Brasilien ins Halbfinale gebracht hätte. Dort wäre es gegen Deutschland und in einem eventuellen Finale gegen Argentinien gegangen. Also ja, Sócrates hat nie eine WM gewonnen, aber das kann man von anderen großen Spielern auch sagen, ohne dass man sie sich aus ihren Mannschaften wegdenken könnte, zB auch Platini.

Ja, ich meinte einfach, ein Weltklassespieler in einem starken Team garantiert keinen Titel.

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Das klingt plausibel, doch darf man nicht unterschätzen, WIE sehr man speziell in Deutschland auf den Libero fixiert war. Und da spielte eben eine große Rolle, dass es mit Beckenbauer ausgerechnet ein Deutscher war, der aus der einstmals als reine Defensivwaffe geschmähten Position des „Doppelstoppers“ eine tendenziell offensiv-kreativ ausgerichtete gemacht hatte. In den 70er-Jahren wurde das weltweit als revolutionär wahrgenommen und vereinzelt versuchsweise kopiert (zB in Frankreich mit Marius Trésor) - wobei es in der Außenperspektive dennoch ein deutscher Sonderweg war.

Also da mag man sich gerne vorstellen, dass ein Sacchi versucht hätte, direkt in die Post-Beckenbauer-Ära hinein eine Abwehrformation ohne Manndeckung und in Kette zu implantieren, man hätte ihn weithin sehr verwundert angeschaut. - OBWOHL es ja einige wenige Teams gab, die (unter Beibehaltung der Libero-Nomenklatur) mit Kette und Abseitsfalle spielten, zB der HSV unter Happel. (Oder sogar schon der VfL Bochum in den späten 70ern unter Heinz Höher - wobei ich zugebe, dass diese Information seinerzeit komplett unter meinem Radar flog und ich der Erzählung vom VfL als reiner Kämpfertruppe aufsaß. Die Lektüre von „Spieltage“ von Ronald Reng hat mich da weitergebracht.)

Ich wechsel mal die Blickrichtung mitten im Schreiben und stelle fest - es GAB einen Sacchi in Deutschland in den 80er-Jahren, er hieß Ernst Happel, aber er hatte wohl kein missionarisches Interesse daran, den deutschen Fußball weiterzubringen, sondern wollte mit dem HSV so viel erreichen wie möglich.

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und in Italien mit Franco „Il Kaiser Franz“ Baresi.