So, nach Wochen oder vielmehr Monaten, mit einer anstrengenden WM dazwischen (ich „musste“ auch viele Spiele unbedingt sehen, wenn sie mitten in der Nacht waren) mal mein take - ich knüpf an @ArthurFriedenreich an, möchte aber alle hier ansprechen (der Kreis ist ja klein genug 
).
Bin, wie schon erwähnt, Jg. 60, es könnte sein, dass ich in diesem Faden vorerst der Älteste bin (?). Das macht mich nicht per se zum Besser-Wissenden gegenüber denen, die für die Jahre, die ich bereits selbst bewusst mitbekommen habe, Quellen studiert haben. Wahrscheinlich macht es mich zum Besserwisser
- sorry schonmal, falls das Folgende dumm rüberkommt.
Es geht ja um die Konsistenz der Narrative, und ich habe den Eindruck, diese ist nicht in allen der hier schon angesprochenen Themen gegeben. ZB sehe ich nicht unbedingt einen klaren Faden, der vom Nationalismus der Kaiserzeit bruchlos zur Überhöhung der sog. „deutschen Tugenden“ bis ins Jetzt führt. Richtig ist zweifellos, dass der DFB immer wieder Personal aufbot, das in einen solchen Erzählfaden gut hineinpasste, ich nenne mal beispielhaft Peco Bauwens und Hermann Neuberger.
Nun muss ich erstmal selbst in Quellen aus einer Zeit, die ich gar nicht erlebt habe, hineingehen. ZB die kicker-Ausgaben nach dem Gewinn der WM 1954 (über das E-Archiv zugänglich mit kicker+), aber auch „Das Bilderbuch von der Fußball-Weltmeisterschaft 1954“, das gar nicht so viele Bilder, vielmehr Texte aus der Feder vieler österreichischer Nationalspieler enthält. Diese Texte wurden unmittelbar nach dem Turnier geschrieben, dürfen also als ein Teil der seinerzeitigen Wahrnehmung gelten, die natürlich dennoch subjektiv ist. Die Österreicher attestieren den Deutschen bei deren Endspielsieg „Tüchtigkeit“ sowie „Kondition und Kampfkraft“, aber eben auch eine herausragende Leistung der „drei Spielmacher“ Fritz Walter, Schäfer und Rahn. In den Nachberichten im kicker finden sich die Anfänge zweier Fäden, zum Einen den bekannten, den ich mal unter dem Begriff „kämpferische Durchschlagskraft“ zusammenfasse, aber eben auch einen ganz anderen, der davon spricht, wie die Deutschen ihre zwingende körperliche Unterlegenheit durch spielerische und kombinatorische Qualität zu kompensieren gewusst hätten. Wie das?! Erklärt wird es mit der bereits erfolgten Professionalisierung des Fußballs in den meisten anderen Ländern; es wurde angenommen, dass die Profis von Haus aus fitter sein müssten als die (fast noch) Amateure des DFB, die ja alle einer Erwerbstätigkeit nachgehen mussten. - Nun wissen wir immerhin aus den Büchern von Fritz Walter, wie sich die Spieler und nicht zuletzt er selbst z. T. in Eigenverantwortung vor dem Turnier fit machten. Ich finde es trotzdem erwähnenswert, dass damals das Narrativ „Kampfkraft schlägt Klasse“ durchaus nicht dominant war. Und ein Blitzlicht aus den noch erhaltenen bewegten Bildern vom Endspiel 1954: da klärt ein deutscher Verteidiger (ist es Posipal?) an der Strafraumgrenze mal locker mit einem Rainbow.
Bruch hier: Das allererste Fußballspiel, das ich gesehen zu haben erinnere, war das WM-Finale von 1966, ohne dass ich irgendetwas noch konkret abrufen kann. Außer, dass die (bei Nachbarn) mitschauenden größeren Jungs zweimal hochsprangen. Konkret wird‘s für mich ab 1969 (erster Stadionbesuch, VfB-Bayern 3:0), und ich denke, dass ich zu den 1970ern was beizusteuern habe.
Vor allem, dass die Qualitäten der deutschen Nationalmannschaft keineswegs vor allem über das Kämpferische definiert wurden. Ja - da waren die Spiele gegen England und Italien 1970, die (mit der zusätzlichen Erinnerung an den Last-Minute-Ausgleich im Finale 1966) den Ruf begründeten, dass das deutsche Team erst mit dem Abpfiff geschlagen sei, was durch die zwei Spiele in Jugoslawien 1976 (EM mit 2 Ausgleichen nach 0:2-Rückstand) noch bestärkt wurde. Dennoch bezogen sich die Ansprüche und die Kritik oft aufs Spielerische. Aus meiner subjektiven Sicht nicht zu Unrecht, denn qualitativ standen immer hervorragende Spieler zur Verfügung, sowohl im Mittelfeld mit Flohe, Overath, bis 1974 noch Netzer, phasenweise Bongartz, später Magath und Hansi Müller sowie ab 1979/80 Bernd Schuster, als auch im Sturm mit bis 1974 Gerd Müller, Jupp Heynckes, eine Zeitlang Klaus Toppmöller, dann Dieter Müller, Klaus Fischer, Rummenigge und Klaus Allofs, sowie Verbindungsspieler wie Uli Hoeneß, Hölzenbein, bis 1974 ein spielender Außen wie Grabowski…ich gleite ins name dropping ab, aber da waren massenhaft gute bis sehr gute Spieler, die man international vorzeigen und von denen man etwas erwarten konnte.
Passend dazu auch der Radiokommentar von Eberhard Stanjek nach dem verlorenen Elfmeterschießen gegen die CSSR: Kein Wort über die kämpferische Leistung und die zwei Aufholjagden; vielmehr nüchtern: die deutsche Mannschaft hätte schon im Halbfinale und auch im Finale mit dem späten Ausgleich viel Glück gehabt, das nun bei den Elfmetern wohl aufgebraucht gewesen wäre. Verhaltene Kritik an der spielerischen Leistung im Ganzen.
Vor ca. 6-7 Jahren las ich „Vom Libero zur Doppelsechs“ von @Taktikfuchs123 - erstmal danke dafür, es ist herausragend, und ich stelle es sogar neben bis über „Inverting the Pyramid“ von J. Wilson. Es gibt einen Punkt, an dem ich anderer Meinung bin:
Die Krise des deutschen Fußballs begann nicht, wie im Buch formuliert, in den 90er-Jahren. Sie begann bereits in den 80ern, nach dem EM-Sieg von 1980 bzw. nach der Mini-WM zum Jahreswechsel 80/81 in Uruguay.
Die Europameisterschaft wurde mit einer vor allem im Finale spielerisch hochklassigen Leistung gewonnen, mit einem Angriff mit Rummenigge-Hrubesch-Allofs sowie zwei Spielmachern, nämlich Hansi Müller und Bernd Schuster. Zugleich war 1980 das Jahr, in dem im UEFA-Cup ab dem Halbfinale vier Bundesligisten unter sich waren. Wenn Beckenbauers Spruch vom Auf-Jahre-hinaus-nicht-schlagbar-Sein überhaupt je gepasst hätte (man beachte bitte, dass ich hier den Irrealis verwende), dann in der subjektiven Wahrnehmung Vieler im Sommer 1980. Zumal die Nationalmannschaft seit Derwalls Amtsübernahme nach der WM 1978 noch ungeschlagen war.
Zur Mini-WM wollte man eigentlich gar nicht unbedingt hin, die Teilnahme am 50-jährigen Jubiläum der Fußball-WMs war aber aus Gründen der Etikette unerlässlich, vor allem eben, weil die Bundesrepublik den ganz klar führenden europäischen Verband hatte.
Im ersten Spiel trat die deutsche Mannschaft bravourös auf, führte gegen Argentinien lange mit 1:0, kassierte aber zwei ganz späte Tore, darunter ein Slapstick-Eigentor zum Ausgleich. Anschließend verlor man gegen Brasilien mit 1:4, und das ließ die Stimmung komplett kippen. Wohlgemerkt, nach zwei Spielen, die sportlich und fußballhistorisch die geringstmögliche Bedeutung hatten!
Die spielerischen Qualitäten der Mannschaft galten plötzlich als „zu verspielt“. Man rief nach einem Chef im Mittelfeld, der erstmal das Zepter schwingen müsse. So ließ Derwall sich Paul Breitner in die Mannschaft zurückschreiben.
Damit endete Anfang 1981 schlagartig eine Phase, die einen neuen spielerischen Aufbruch anzukündigen schien. Kein Vorwurf dabei an Breitner - er übernahm die Rolle wie ausgeschrieben. Aber mit der spielerischen Varianz und dem schwer ausrechenbaren Offensivspiel war‘s damit vorbei.
Somit wurden die 1980er in Deutschland die Jahre, in denen die Betonung des Kämpferischen um sich griff. „Schlecht gespielt“ wurde immer noch registriert, aber mehr und mehr entschuldigt, wenn wenigstens „gut gekämpft“ worden war. Das ist das, was ICH als „Niedergang“ bezeichnen würde. Es war auch die Zeit einer starken Regression in vielen Vereinsmannschaften, wo zum Teil allen Ernstes abgewogen wurde, welchen der zwei Techniker im Kader man im Spiel aufstellen würde - dass es beide sein könnten, war an manchen Standorten ein absurder Gedanke. (Klaus Schlappner beim SV Waldhof: „Hayer oder (Michael) Zeyer - du kannsch bloß ään heiraade!“) Gute Techniker, die es eigentlich die ganze Zeit über gab, standen erstmal unter dem Generalverdacht, in heißen Matchsituationen überfordert zu sein (man müsste dazu mal Uwe Bein mit Blick auf seine Rolle im WM-Kader 1990 befragen…). Oder um es anders zu formulieren: Erst ab da (1981) wurde auch die Geschichte der Nationalmannschaft umerzählt.
Gute Turnierresultate (3 WM-Finals 1982-86-90, Halbfinale EM 88, Finale EM 92, EM-Sieg 1996) vertuschten den generellen spielerischen Abstieg, der 1998 bei der WM in Frankreich und vor allem 2000 bei der EM offenbar wurde. Ich gehe, sicherlich bestreitbar, davon aus, dass hier der Bruch von 1981 seine Langzeitwirkung entfaltete.
Erst seit Klinsmann und vor allem seit 2006 und der Amtsübernahme von Löw wurde wieder dezidiert die Entwicklung des Spielerischen angegangen. Löw wollte übrigens @ArthurFriedenreich den Deutschen deren Tugenden nicht „austreiben“. Er wies nur darauf hin, dass diese Tugenden schon länger keine „deutschen“ mehr seien, sondern allen Mannschaften, die etwas gewinnen wollen, eigen seien. Sie seien Grundvoraussetzungen.
Und wenn man dieses von mir versuchte Ganze in den Blick nimmt, ergibt sich - für mich - logisch, dass vieles von dem, was Altinternationale in den letzten Wochen nach dem Ausscheiden von sich gaben, einfach nur entsetzlicher Mist ist. Dies wäre allerdings nicht hier zu diskutieren.