Tribünengespräch 129: Evangelikale im Fußball

Zumal es eben auch sinnbildlich ist, dass hier ein geschlossener Kreis explizit auf dem Feld inszeniert wurde.

Wäre es um das Gebet als solches gegangen, hätte dieses im Kabinengang oder jenseits des Rasens stattfinden können. Stattdessen wurde sich Publicity-wirksam auf dem Feld versammelt.

Dabei ist nicht nur die Form der öffentlichen Inszenierung interessant, sondern auch die Art und Weise des Huddle/Kreis, da dieser eben Geschlossenheit nach innen symbolisiert und sich explizit nach außen abgrenzt. Wer sich mit den Prosperity-Preachern, denen Nmecha zugewandt ist, näher auseinandersetzt, der sieht dort auch eine Geschlossenheit, einen Elitismus und eben nicht das klassen- und schichtenübegreifende Element des Christentums. Es gibt zu der Aktion einen interessanten Instagram-Beitrag eines Pastors, den ich anbei verlinke. Er geht dabei insbesondere darauf ein, dass in solchen Aktionen kein inklusives Jesus-Bild vermittelt wird, etwa in Bezug auf die Kontakte, die dieser zu den Ausgestoßenen und Marginalisierten pflegte, sondern ein exklusives, bei dem vor allem die Selbstinszenierung und das klassische Bild des Erfolgs als Wille Gottes (quasi Belohnung dafür, ein guter Christ zu sein).

Noch einmal das Zitat von Instagram (Pastor Vannie Kaap):

"Immer wenn Sportstars oder Künstler*innen Jesus feiern — auf dem Rasen, auf dem Red Carpet, im Grammy-Dankesspeech — frag ich mich:

Welchen Jesus meinen wir da eigentlich? Denn der Jesus, der in diesen Momenten auftaucht, hat oft erschreckend wenig zu tun mit dem braunen (sic), armen, politischen Jesus aus Nazareth.

Desmond Tutu nannte diesen zahmen Glauben „pie in the sky”: Vertröstung auf später, Betäubung für heute. Ich nenn ihn den parfümierten Jesus — einen Jesus, der so lange weichgespült wurde, bis von ihm nichts Gefährliches mehr übrig blieb. Friede, Freude, Eierkuchen."

Aber am Ende des Tages ist die Krux an der Prosperity-Church, dass dadurch bestehende Ungleichheit, schreckliche Lebensbedingungen und dergleichen als „Wille Gottes“ einfach hingenommen, oder sogar als gut befunden werden können. Wenn du nicht mehr arm sein willst, musst du eben ein „besserer“ Christ werden. Wenn du kein guter Christ bist, dann bist du halt arm.

Das ist eine super gefährliche Auffassung der Prädestination, nach der jedes Individuum von Gott seinen Platz zugewiesen bekommt. An bestehenden Missständen muss dann nichts mehr geändert werden, wie es in den USA, von den Bolsonaro-Anhängern in Brasilien oder auch in Teilen Deutschlands vertreten wird.

Das neoliberale Leistungssubjekt findet hier ein ritualisiertes Verständnis vom Christentum, bei dem Glaube nach den selben Parametern funktionieren kann wie das sonstige Leben. Du musst halt der pietistischste aller Christen sein, in deiner Gemeinde glänzen und dich dadurch hervortun, dass du auf dem Spielfeld ein Gebet inszenierst.

Warum also aktiv die Lebensbedingungen anderer Menschen verbessern, wie es etwa die Aufklärungs-Theologen in den 1960er und 1970er Jahren in Lateinamerika taten, wenn du dein Christentum durch gekonnte Inszenierung spezifischer Riten und Bräuche ausleben kannst?

Ein Instagram-Post oder ein Gebet im Mittelkreis bringen doch viel mehr Follower, als die Ausbildung und Alphabetisierung kritischer Subjekte im Norden Brasiliens. Was schert einen, ob die Massen in Armut versinken, wenn die Zur-Schaustellung des eigenen Glaubens doch als selbstreferentieller Wink für die eigene In-Group funktioniert.

Kurzum: Der inszenierte Kreis steht sinnbildlich für eine geschlossene, performative und selbstreferentielle Form des individualisierten Glaubens. Hier geht es nicht darum, ein Zeichen zur Völkerverständigung, dem Austausch und der Behebung von Missständen zu setzen, sondern sich selbst und seine elitär gehaltene In-Group vor aller Augen zu inszenieren.

Anderenfalls würden diese Profis sich lautstark und unverblümt mit Somalischen Schiedsrichtern, ICE-gepeinigten Latinos oder anderen Opfern des Sonnenkönigs von Washington solidarisieren. Das wäre im Sinne desjenigen Jesus, der widerspenstig und rebellisch gegen das Establishment und herrschende Despotie vorging, der verbindend und allgemein wirkte.

19 „Gefällt mir“