Ich weiß, dass ich mich wieder unbeliebt mache, aber egal.
Zum Thema, wie die Clubs/Fußballorganisationen reagieren sollen:
Nach ständiger Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts fallen auch Äußerungen, die der Verfassungsordnung ablehnend gegenüberstehen, unter die Meinungsfreiheit. Sogar radikale Meinungsäußerungen, die im Rahmen der Meinungsfreiheit liegen, sind hinzunehmen. Die Meinungsfreiheit wird durch allgemeine Gesetze beschränkt, nicht aber durch Empörung und/oder verletzte Gefühle. Deswegen ist auch einem solchen Quatsch, wonach Schwule in die Hölle kommen oder der Teufel sind, nicht beizukommen. Kann und sollte man doof finden, und man kann und sollte auch sein Missfallen dazu zum Ausdruck bringen, ist aber trotzdem auszuhalten und nicht zu verbieten. Vor dem Hintergrund von Glaubens-, Bekenntnis- und Meinungsfreiheit können die Clubs (fast) nichts machen. Ich finde es daher bemerkenswert, wenn der BVB - so habe ich es verstanden - Nmecha im Wortsinne - also vor Veröffentlichung - zensieren darf, wenn er nur in Absprache mit dem BVB posten darf. Da ich Zensur scheiße finde, halte ich das schon für bedenklich.
Ich wäre eher für eine andere Art des robusten Auftretens. Man kann doch gegenüber religiösen Extremisten aller Couleur erklären, dass man nicht an Gott glaube, wenn es aber tatsächlich einen Gott geben sollte, dieser aber so sei, wie von den Evangelikalen behauptet, man doch lieber in der Hölle bliebe, als mit so einem Gott an einem Tisch zu sitzen. Im Übrigen habe ein Gott ganz andere Probleme, wenn er solche Boten nötig habe.
Die gesellschaftliche Bedeutung der Evangelikalen in Deutschland lässt sich bei nicht mal einer Millionen Followern für „Ballers in God“ für mich immer noch nicht erkennen. Zumal auch kein Nachweis erbracht wird, dass neben diesen bekloppten Äußerungen Homosexuelle aktiv und im echten Leben von den Fußballern diskriminiert oder schlechter behandelt werden. Wo passiert tatsächlich die Überschreitung der Glaubens-/Religionsfreiheit ins tatsächliche Leben, wo folgen aus diesen Glaubenssätzen Taten im zwischenmenschlichen Bereich? Weigert sich einer der Fußballer mit Homosexuellen geschäftliche Beziehungen einzugehen oder respektvoll mit ihnen umzugehen? Da fehlt ein Beleg. Die Gefahr, die für schwules Leben durch Evangelikale ausgeht, findet sich auch sonst eher nicht im echten Leben. Ich kenne Schwule, die viele Jahrzehnte älter sind als ich (und ich bekomme bei deren Schilderungen die kalte Wut), die sich inzwischen wieder vorsichtiger in der Öffentlichkeit verhalten und bewegen, aber das liegt nicht an Erfahrungen mit Evangelikalen. Und hier im Westen der Republik sind es auch keine Neonazis, die das zu verantworten haben. Vor diesem Hintergrund halte ich es auch für eine schwache Erklärung, wenn man bei Kritik an der Themensetzung von „Whataboutism“ spricht. Dass es islamfeindliche und rassistische Motive für diese Kritik gibt, ist offensichtlich. Allerdings ist das nicht zwingend. So liegt genauso ein Narrativ und eine Bias vor, wenn man sich auf die beknackten Evangelikalen fokussiert und nicht z. B. auf die Reaktionen von Iran und Ägypten zum geplanten Pride Match bei der WM dieses Jahr, wenn man einen Schwerpunkt auf Homosexualität im Fußball legt.
Meine Interpretation dazu: Das Christentum wird als „weiß“ „gelesen“, das man daher risikolos kritisieren darf, da spielt es keine Rolle, dass nahezu alle namentlich genannten Spieler als „BIPOC“ bezeichnet werden können (wehe, so eine auffällige Häufung erfolgt in anderen Zusammenhängen), gleichzeitig möchte man nicht „islamophob“ oder „antimuslimisch rassistisch“ sein. Man vermeidet es daher aus ideologischen Gründen, andere Themenschwerpunkte zu setzen, die vielleicht viel unmittelbarer und drängender für die Sicherheit und Akzeptanz von Schwulen sind, aber in der eigenen Bubble eher kritisch gesehen werden, man will keinen Applaus von den Falschen etc.
Im Übrigen finde ich es schade, dass die unangenehme Frage ausgespart wurde, aus welchen Gründen fast alle namentlich genannten Spieler „BIPOCs“ sind. Ich habe selbst keine Erklärung dafür, aber diese Häufung kann doch nicht nur Zufall sein. Zumal wir hier auch noch ein Gender Gap haben, da dies bei den namentlich genannten Spielerinnen nicht der Fall ist.
Da es ja auch um eine mögliche Kooperation zwischen AfD und Evangelikalen in Deutschland geht, würde mich auch noch interessieren, ob ihr Nmecha - oder die vielen anderen genannten BIPOC-Fußballer - für so dumm oder so bösartig haltet, den in der AfD vorhandenen Rassismus nicht zu sehen oder zu ignorieren? Glaubt ihr tatsächlich, dass für Nmecha oder die anderen Spieler der Zweck die Mittel heiligt? Gibt es dafür tatsächliche Anzeichen?
Zum Abschluss: Jemanden etwas unterschreiben zu lassen, was gegen die religiöse Werte dieser Person verstößt, ist eines definitiv nicht: diskriminierungsfrei. Eine diskriminierungsfreie Welt wird so nicht erreicht, sondern es werden vielleicht „die Richtigen“ diskriminiert, die es „verdient“ haben. Das ist auch vollkommen in Ordnung so, wir alle machen das, aber dann sollte man nicht von einer besseren „diskriminierungsfreien Welt“ reden, sondern das auch so aussprechen und sich selbst eingestehen. Man ist dann nicht so gut, wie man gerne wäre.
PS: Mir gefällt dann doch die Konsequenz von Mainz, die El-Ghazi rausgeschmissen haben. Das bekommt z. B. Pauli offensichtlich ja weder bei „Ballers in God“ noch beim FC Palestine-Trikot hin.