Hallo Max, hallo Rasenfunk-Runde,
vorab das klassische Foren-Paradoxon: Man hört jahrelang begeistert zu, sieht aber nie die Notwendigkeit für einen Account, weil einfach alles top ist. Kaum meldet man sich an, ist der allererste Beitrag natürlich direkt ein Kritik-Post. Seht es mir bitte nach, aber zu dieser Folge wollte ich mich einfach mal kurz zu Wort melden.
Um das direkt vorwegzuschicken: Ich fand auch dieses Panel zu einem ganz großen Teil wieder absolut hörenswert und gewohnt stark analysiert und diskutiert.
Meine Kritik bezieht sich hier wirklich auf ein paar vermeintlich „kleine“ Momente im letzten Teil, die sich in meinem persönliches Hörerlebnis zu einem etwas unangenehmen Gesamteindruck summiert haben.
Manchmal hatte ich das Gefühl, dass die Diskussion von einer echten Analyse in ein eher performatives Pflichtbewusstsein gekippt ist. Zwei Punkte machten das für mich an konkreten Beispielen fest:
1. Die Debatte um Côte d’Ivoire vs. Elfenbeinküste (ca. ab 01:39:00) Max erklärt hier die Nutzung von CIV mit einer frisch geschlossenen „Wissenslücke“ und das Argument hinkt hier ein bisschen zu später Podcaststunde, aber der Artikel dazu ist ja verlinkt: Dankeschön.
Ich verstehe vollkommen, dass das auf offizieller Ebene (UNO, FIFA, Auswärtiges Amt) absolut Sinn ergibt und da kann man auch nachvollziehbarerweise dafür pushen, dass das bitte entsprechend umgesetzt wird. Auch das man sich als öffentlicher Podcast an diese Regelung/Standard hält finde ich zumindest mal verständlich. Wenn man das Argument aber auf den Alltag übertragen und moralisch aufladen will, wird es für mein Empfinden widersprüchlich.
Man sieht den Unterschied am besten im Vergleich mit anderen Ländern. Die taz selbst bringt hier ja einen der besten: Als die ehemalige „Goldküste“ unabhängig wurde, gab sie sich den indigenen Namen Ghana. Das war ein echter postkolonialer Bruch, und es ist völlig einleuchtend und richtig, dass der alte Kolonialname komplett aus unserem Sprachgebrauch verschwunden ist. Bei der Elfenbeinküste liegt der Fall anders: Das Land hat den kolonialen Namen “behalten” (oder in einer anderen Lesart sich bewusst dafür entschieden/den zurückgewonnen) und lediglich 1985 per Dekret festgelegt, dass er international nicht mehr übersetzt werden darf. Primär, um alphabetisches und bürokratisches Chaos bei internationalen Konferenzen zu vermeiden.
Côte d’Ivoire ist also der französische Kolonialname, und „Elfenbeinküste“ ist lediglich dessen wortwörtliche deutsche Übersetzung. Wenn man das im Podcast mit einem zerknirschten „wusste ich leider auch erst zu spät“ kommentiert, hebt man eine im Kern administrative Entscheidung auf eine moralische Ebene, die sie im normalen Sprachgebrauch (wo Exonyme wie bei unzähligen Beispielen, siehe Japan oder Montenegro, völlig wertfrei genutzt werden) gar nicht haben kann. Da hätte ich mir gewünscht, das eher als spannende sprachliche Nuance einzuordnen, anstatt es als moralischen Soll-Zustand stehenzulassen. Mag sein das dieser Part bei mit etwas anders ankam als er gemeint war, aber gerade mit der Lesart die ich auch aus dem taz-Artikel habe, wird das Argument hier meiner Meinung nach überstrapaziert und auf Bereiche angewendet die eben gar nicht davon betroffen sind.
2. Performative Schleifen und das Aufrufen von Binsenweisheiten (ab ca. 01:34:25) In der Afrika- und Rassismusdebatte gab es für mich eine Reihe von Momenten, die sich zu einem etwas ermüdenden Eindruck summiert haben. Da war zum einen der kurze Einschub von Eva: „Ich als weiße Person habe ja keine Rassismuserfahrung“. Mir ist völlig klar, dass das aus einer respektvollen Haltung heraus geschieht. Im Kontext einer Runde aus fünf weißen deutschen Podcasterinnen und Podcastern wirkt es aber wie eine erlernte Floskel/moralischer Airbag, der die Analyse des eigentlichen Problems nicht weiterbringt.
Das setzte sich leider fort, als weitere Binsenweisheiten aufgerufen wurden, so etwa der Hinweis, dass auch Frauen misogyne Stereotype reproduzieren können, oder das Klischee, „Afrika werde ja von vielen immer noch als ein einziges Land gesehen“. Natürlich stimmt das auf einer ganz basalen Ebene. Aber warum muss man das im Jahr 2026 in dieser Ausführlichkeit betonen? Gerade in einer ohnehin schon sehr reflektierten Community wie der des Rasenfunks fühlt sich das an, als würde man theoretische Pappkameraden boxen, statt die tatsächliche Komplexität der Realität zu diskutieren. Dafür bin ich aber nicht Host genug und vielleicht liegt ihr da wirklich richtig und es schadet nie das nochmal deutlich zu machen, auch wenn es eine große Mehrheit schon wissen sollte. Mir kam es in diesem Segment nur leider etwas viel vor.
Wie schnell man sich in solchen rein narrativen Schleifen verliert, zeigte sich für mich auch in der Debatte um die Qualifikation von Kap Verde im Vergleich zu Italien. Das wirkte phasenweise ein bisschen nach gut gemeint, bei dem die schöne Erzählung über den sympathischen Underdog die sportliche Realität und Differenzierung zu überlagern drohte. Da aber nochmal ein Danke an die Runde als das ganze (aus meiner Perspektive) wieder etwas geerdet wurde und für mich eine echte Pluralität zustande kam in der Mehrwert entsteht.
Fazit: Mir geht es gar nicht darum, hier den großen moralischen Zeigefinger zurückzustrecken. Ich finde es wichtig und gut, dass der Rasenfunk auch gesellschaftlichen Themen diesen Raum bietet. Ich würde mir für die Zukunft an diesen Stellen einfach nur wünschen, dass auch bei sensiblen Debatten die gewohnte Rasenfunk-Tiefe erhalten bleibt.
Danke für Eure Arbeite und Beste Grüße!