Nein, hat er nicht. Damit es ein Gewaltproblem wäre, müssten entweder die Zahlen im Fußball deutlich nach oben gehen oder es müsste ein deutliches Missverhältnis zwischen der Anzahl der Stadionbesucher und der Anzahl der Delikte im Vergleich zur Gesamtstatistik geben.
Die Zahlen gehen allerdings nach unten, nachdem sie in der Saison 23/24 auch deshalb hochgegangen sind, weil 2024 EM in Deutschland war und die Polizei im Vorfeld durchaus auch eskalativ zu Werke gegangen ist (wurde hier im Forum auch thematisiert). In der aktuellen Statistik stehen 4700 Strafverfahren bei über 25 Millionen Stadionbesuchern. Davon sind über 25% bspw. Beleidigungen, Vortäuschen einer Straftat oder Eingriffe in den Straßenverkehr und etwas unter 25% Delikte, die ebenfalls ohne Gewalt auskommen (vom Gummi-Straftatbestand Widerstand über Hausfriedensbruch und Diebstahl bis hin zum Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz). Insgesamt sind also knapp 50% der Straftaten keine Gewaltdelikte (nachzulesen in der aktuellen Statistik, Seite 13). Selbst wenn alle verbliebenen knapp 2400 Straftaten immer gemeinschaftlich von 4 Menschen begangen wurden (was sehr unwahrscheinlich ist), dann hat man bei über 25 Millionen Stadiongängern 0,4 Promille (!) Straftäter - bei 2400 Einzeltätern sind es unter 0,1 Promille. Da von einem Gewaltproblem zu sprechen, halte ich für extrem problematisch.
Schaut man sich mal die polizeiliche Kriminalstatistik für 2024 an, dann findet man knapp 1.300.000 Gewaltdelikte (Körperverletzung, Sachbeschädigung, Tötungsdelikte, Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, Raub fliegt hier raus, weil die Seite nur schweren Diebstahl ausweist). Mit der gleichen Rechnung wie oben kommt man auf eine Quote von knapp 6% (!) (bei 4 Tätern) und knapp 1,5% (bei einem Täter) im Vergleich zur Gesamtbevölkerung.
Jetzt findet Fußball in Liga 1-3 nicht an 365 Tagen im Jahr statt, sondern nur, vereinfacht gesprochen, an 68 Tagen im Jahr (2 Tage pro Spieltag bei 34 Spieltagen). Also müsste man die Promillewerte auf das Jahr umlegen [x/(68/365)]: Bedeutet knapp 2 Promille bei 4 Tätern und 0,5 Promille bei 1 Täter, wenn jeden Tag Fußball wäre.
Tatsächlich gibt es aber natürlich im realen Leben genügend Mehrfachtäter, sodass die Quote nach unten geht. Allerdings ist nicht einzusehen, warum das im Fußball völlig anders sein sollte, sodass die Statistik ebenfalls weiter nach unten geht.
Gleichzeitig habe ich meine Schwierigkeiten damit den Raub beim Fußball mitzuzählen, wenn er in der allgemeinen Statistik nicht auftaucht. Ebenso finde ich es problematisch Gewalt gegen Dinge (Sachbeschädigungen) mit Gewalt gegen Menschen (Körperverletzungen) auf eine Stufe zu stellen. Wenn man der Logik aber folgen möchte, dann sollte man auch die Sachbeschädigungen in der Millionenhöhe (bei der Anreise) einmal ins Verhältnis setzen: Die DB spricht von 2.000.000€ Schaden 2024 bei 4.500.000 Fußballfahrgästen. Das sind weniger als 50 Cent pro Fahrgast. Das ist kein beträchtlicher Schaden und kein flächendeckendes Phänomen.
Kurzum: Die Statistik spricht nicht dafür, dass der Männerfußball zwischen Liga 1 und 3 ein Gewaltproblem hat. Anhand der Statistik sieht es sogar erstmal danach aus, dass der Männerfußball maximal genauso gewalttätig ist wie die Gesamtgesellschaft. (Wahrscheinlich sogar drunter)
Etwas völlig anderes ist das, was du mit “Fankultur” umschreibst und wahrscheinlich kaum jemand in Abrede stellen würde: Übermäßiger Alkoholkonsum, Sexismus etc., agrressive Grundstimmung etc. können sehr gut, gerade für bestimmte ‘Zielgruppen’ dazu führen, dass diese Menschen sich mindestens unwohl und oft genug unsicher fühlen. Solange das aber nicht zu Gewalt führt, ist die Frage, inwieweit man das als Gesellschaft aushalten muss. Man kann das dann trotzdem (in meinen Augen auch zurecht) als problematisches und zu änderndes Verhalten sehen und es bekämpfen wollen.
Dann ist deine Verquickung mit Gewalt aber der völlig falsche Ansatz.
Wenn du das nicht gewalttätige Verhalten der Mehrheit der Fußballfans ändern willst, brauchst du Überzeugungsarbeit, Aufklärung und Unterstützung für diejenigen, die das nicht mitspielen wollen. Im Endeffekt brauchst du Sozialarbeit.
Wenn du die aber alle bei niedrigen Zahlen als gewalttätig brandmarkst (und das tust du, wenn du sie über einen Kamm scherst), dann fühlen die sich (berechtigt) zu Unrecht kriminalisiert und gleichzeitig brauchst du dann keine Sozialarbeit, sondern verstärkte Repression. Mit verstärkter Repression schaffst du aber erst das Problem, das du eigentlich bekämpfen willst (wie 2023/24) und du erschwerst den Zugang für Aufklärung und Überzeugungsarbeit.
Mal ganz abgesehen davon, dass im Männerfußball einfach auch ein Ventil zu sehen ist, dessen Druck sich auch dadurch bestimmt, welche gesamtgesellschaftlichen Probleme existieren.
Insofern gilt halt, wie so oft, dass sich im Kleinen wiederholt, was im Großen passiert.