Aggressionen um den Fußball

Ganz grundsätzlich sollte man, bevor man die Frage beantwortet „Hat Fußball ein Gewaltproblem“, erstmal definieren, was man unter einem Gewaltproblem versteht. Ist es nur die reine Anwesenheit von Gewalt, ist es der Umgang mit dieser Gewalt, wie weit fast man den Gewaltbegriff und ab welchem Punkt ist es problematisch bzw. bis zu welchem Punkt muss ein gewisses Maß an Gewalt in Kauf nehmen als Teil eines gesellschaftlichen Zusammenkommens. Ich kann das jetzt nicht direkt beantworten aber ich versuche mal meine Gedanken dazu aufzuschreiben und hoffentlich wird dabei meine Position zu diesen Fragen klar. Ich werde mich im folgenden nur auf den Männerfußball beziehen, da ich die Situation im Frauenfußball null einschätzen kann.

Die Frage, ob Fußball ein Gewaltproblem hat, lässt sich meiner Meinung nach nicht einfach mit Ja/Nein beantworten. Dafür gibt es zu viele verschiedene Bereiche, in denen Gewalt auftreten kann und auftritt. Was man definitiv sagen kann, für den Durchschnittsfan ist Fußball sicher. Entsprechende Statistiken wurden im anderen Thread ja schon aufgeführt. Und wenn die Polizei nach dem Oktoberfest und einer vierstelligen Anzahl an Straftaten, hohen zweistelligen Fällen von sexuellen Übergriffen und mehreren Vergewaltigungen von einer „normalen und sicheren Wiesen“ spricht, dann ist Fußball im Profilligakontext absolut sicher. Ergibt ja auch irgendwo Sinn. Die meisten Leute, die ins Stadion gehen, sind ganz normale Menschen mit nem gefestigtem Sozialen Umfeld und einer Sozialisation, die Gewalt ablehnt. Wenn dann mehrere zehntausende Menschen davon zusammenkommen, reguliert sich das durch sozialen Druck schon sehr gut selbst, dass da nicht zu Gewalt gegriffen wird.
Aber hier würde ich ja die erste Unterscheidung machen. Denn für Ultras gilt das meiner Meinung nach nicht mehr so uneingeschränkt. Da ist Gewalt deutlich stärker auch Teil der Kultur. Über so martialisches Auftreten und Symbolik wie Fadenkreuze kann ich ja noch hinwegsehen, weil das eben nur Symbolik ist. Aber in manchen Gruppen sind Straftaten wie zum Beispiel das Stehlen von Fanartikel verfeindeter Clubs immer noch toleriert und werden zum Teil glorifiziert. Und wenn die Polizei Ultragruppierungen nicht richtig getrennt hat (bei Abfahrt oder Anreise) kam es schon mehrmals zu spontanen, anlasslosen Angriffen aufeinander.
Hier ist es aber auch ganz wichtig zu differenzieren und nicht davon zu sprechen, dass alle Ultras so wären. Die Bandbreite reicht von wortwörtlichen Hooligans bis zu vollkommen friedlichen, inklusiven Ultragruppen. Sowohl in den Vereinen, als auch über Vereine hinweg. Es gibt nicht die eine Art Ultras, die Gewalt ganz toll finden und sie regelmäßig anwenden. Aber es gibt Ultragruppen, die kein Problem mit Gewalt haben und diese auch gerne einsetzen. So wie es nicht hilft zu pauschalisieren, hilft es auch nicht diese Probleme zu ignorieren.

Und bis hierhin habe ich mich beim Punkt Gewalt ausschließlich auf körperliche Gewalt bezogen. Wie schon angesprochen kann man den Gewaltbegriff aber durch aus weiterfassen. Wenn wir über Sexismus, Rassismus oder Beleidigung und Bedrohung allgemein reden, dann kann und darf man nicht verleugnen, dass das weit verbreitet ist im Fußball. Auch hier gibt es Abstufungen je nach Verein. Aber vollkommen frei ist, würde ich behaupten, keiner davon. Die Affenlaute gegen schwarze Spieler sind ja mittlerweile zum Glück fast vollständig aus den Stadien verschwunden. Aber Spieler als „Hurensohn“ oder andere Fans als „Fotzen“ zu beleidigen, ist immer noch zu wenig geächtet. Von homofeindlichen Aussagen ganz zu schwiegen.
An diesem Punkt möchte ich einmal einen kurzen Einschub machen, dass wir dabei aber nicht außer acht lassen sollten, welche Demografie von Fußball oftmals angesprochen wird. Fußball ist ein sehr integrativer Sport, in dem Sinne, dass man dafür nur einen Ball braucht und Platz. Entsprechend ist der Sport auch besonders für jene interessant, die es sich nicht leisten können zum Beispiel zum Tennis oder Golf zu gehen. Viele (nicht alle, auch hier wieder differenzieren) kommen nun mal nicht aus einem akademischen Bildungsbürgertum Umfeld, sondern aus prekäreren Verhältnissen. Da gibt es es zum einen nicht das gleiche Maß an Bewusstsein über die oben angesprochenen Probleme. Aber zum anderen haben Worte für diese Menschen ne andere Bedeutung oder besser gesagt, ein andere Gewicht. Wenn sich zwei Uniprofessoren gegenseitig als „Wichser“ bezeichnen, hat das eine andere schwere als, wenn das zwei Menschen „von der Straße“ tun. Das soll nichts entschuldigen. Mir ist es aber wichtig, das einmal angebracht zu haben, weil Menschen, die das Glück einer höheren Bildung genossen haben, zu oft von oben herab und belehrend über jene reden, die diesen Glück nicht hatten.

Was mich zu dem Punkt bringt, dass Fußball ein Massenphänomen ist, was sehr viele Menschen anspricht und deswegen auch rein statistisch begründet, dort Menschen auftauchen werden, die Gewalt in der ein oder anderen Form ausüben oder gutheißen. Und hier frage ich mich (und das ist eine offene Frage, wo ich mich freuen würde, wenn ihr mir die beantworten könnt), ob das in anderen Sportarten genauso ist. Ich kann nur von den Sportarten reden, die ich sonst noch so verfolge bzw. verfolgt habe (Handball, Biathlon, Leichtathletik). Und bei keiner dieses Sportarten sehe ich auch nur im Ansatz ähnlich Probleme. Sind aber auch alle kleiner. Ich weiß nicht, ob das in Indien bei Cricket genauso ist, wie hier bei uns im Fußball. Oder in den USA bei Basketball. Oder Wrestling in Mexiko.
Ich persönlich habe nichts in der Richtung mitbekommen. Aber das kann auch daran liegen, dass ein anderer medialer Fokus darauf liegt. Was mich zu dem Punkt bringt, dass Fußball nicht nur in der Bundesliga, 2. Liga und Dritten Liga gespielt wird. Wenn wir auf den Amateurbereich gucken, dann eröffnet sich ein ganz neues Feld bei der Frage des Gewaltproblems. Außerhalb der großen medialen Öffentlichkeit, die der Profisport bekommt, wirken die Mechanismen, die Gewalt durch medialen Druck klein halten, nicht mehr auf die gleiche Weise. Und zudem sind die Menschen, die im Amateurfußball ins Stadion gehen oder an den Seitenrand stellen, eher noch die wirklich hartgesottenen und entsprechend auch emotionalisierteren Fans. Gleichzeitig gibt es dort weniger bis keine Polizei, die regulativ wirken könnte.
Die Folge sind zum einen teilweise radikalisierte Fanszenen (nicht alle und nicht überall aber es gibt sie), die zu wortwörtlichen Neonazi-Gruppen geworden sind. Mit Überschneidungen in die Kampfsportszene und rechten Kampfgruppen. Wo auch explizit und bewusst Leute rekrutiert und missioniert werden. Die Folge ist auch, dass Schiedsrichter teilweise Angst um ihr Leben haben müssen. Es gibt mittlerweile mehrere Reportagen zu dem Thema, die mich persönlich immer sehr bedrücken. Und hier muss ich wirklich einmal sagen, wie krass wütend mich das macht. Das sind Spiele, in denen es um nichts geht. Amateursport in allen Ehren aber keine Sau interessiert es, für niemanden ist es relevant, wie das Spiel in der Kreisliga ausgeht. Wenn dann Schiedsrichter deswegen bedroht, beleidigt, geschlagen oder gar abgestochen werden, ist für mich ein Punkt erreicht, wo ich emotionale soweit bin, dass mir die Strafen eigentlich nicht hart genug sein können.

Jetzt ist die Frage, inwieweit ist der Fußball daran Schuld. Und hier wiederhole ich den Punkt von oben: ich kenne keine andere Sportart in der das so ist. Im Gegenteil sehe ich in vielen anderen Sportarten einen deutlich respektvolleren Umgang miteinander. Mein Lieblingsbeispiel ist dabei immer der Handball. Insbesondere der Umgang mit den Schiedsrichtern. Mir fällt keine Sportart ein, in der es so akzeptiert und toleriert ist den Unparteiischen zu bedrängen und anzufahren. Und das oftmals für vollkommen korrekte Entscheidungen. Es ist Teil der Fußballkultur, dass man sich über und beim Schiedsrichter beschwert. Es wird immer, nach jedem Pfiff, nach jedem offensichtlichen Foul reklamiert und gemeckert.
Und nicht nur der Umgang mit den Schiedsrichtern, sondern auch unter den Spieler ist teilweise höchstfragwürdig. Tätlichkeiten sind ja nur die letzte Konsequenz aus dem generell ruppigen Umgang miteinander. Welcher dann gerne als „hitzig“ verklärt wird. Und dass „Emotionen Teil des Fußballs sind“. Und dabei meint man in der Regel negative Emotionen. Ich für meinen Teil brauche die nicht. Und andere Sportarten zeigen mir, dass es auch hervorrangen ohne geht. Mir persönlich macht es ohne sogar sehr viel mehr Spaß, weil dann wirklich der sportliche Wettbewerb im Vordergrund steht und die persönlichen Egos.

Wenn ich also ein Fazit ziehen müsste, ob Fußball ein Gewaltproblem hat, dann würde ich sagen, dass es definitiv Bereiche gibt, in denen sowohl das Ausmaß, die Form und die Toleranz für die Gewalt problematisch sind und dafür sorgen, dass Menschen sich unsicherer fühlen und unsicherer sind. Ich würde es aber gleichzeitig als die Ausnahme und nicht die Regel bezeichnen. Und ich bin mir noch unsicher, ob das wirklich der Fußball ist, der diese Probleme hervorruft oder ob es nicht einfach nur ein Symptom einer allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung ist. Wie so häufig bei solchen vielschichtigen, komplexen Themen kann man sagen, dass das Thema super für ein Tribünengespräch geeignet wäre, auch auf die Gefahr hin, dass Max diesen Satz nicht mehr hören kann.

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