Borussia Mönchengladbach

Ich stehe immer noch im Großen und Ganzen zu der Kaderaussage im letzten Beitrag. Trotzdem ist der Kader nicht ganz rund (siehe unten) und die Saison ist mal wieder nicht befriedigend. Deshalb will ich einfach nur ein paar Punkte auflisten, die in meinen Augen den Ist-Zustand und die Zukunft berühren.

  1. Die Trainerposition
    Wenn der Verein Polanski entlässt, worauf ein paar Anzeichen hindeuten, dann wäre die Frage, wen man dann holt und mit welchem Ziel. Mein Überblick über (deutschsprachige) Trainertalente ist begrenzt, aber warum sollte so jemand aktuell nach Gladbach gehen? Also eher unwahrscheinlich. Ansonsten hat man mit Kwasniok, Baumgart, Wagner oder Steffen Personen auf dem Markt, die nicht unbedingt Freudenstürme auslösen (Kwasniok und Baumgart haben auch noch Effzeh-Vergangenheit und evtl. fragwürdige Begleitumstände). In der zweiten Reihe bei Gladbach ist mWn gerade niemand, dem man jetzt den Sprung zum Cheftrainer zutraut (Polanski hat man ja gerade hochgezogen). D.h. eine offensichtliche Alternative nach Polanski ist nicht da. In meinen Augen ist die Situation um Polanski allerdings eine andere als bspw. bei Hütter, Farke oder Seoane und eigentlich hat man eine Chance den Verein mit Polanski weiterzuentwickeln, die man nicht verstreichen lassen sollte. @GNetzer hat in der aktuellen Folge darauf verwiesen, dass Gladbach gegen Wolfsburg (und überhaupt diese Saison) nicht zum ersten Mal in den letzten Jahren nicht in der Lage ist, im Spiel sinnvoll umzustellen und auf den Gegner zu reagieren. Nach dem Mainz-Spiel und der PK danach (habe die nicht gesehen) wurde auch die Gladbacher-Taktik und die Entscheidungen Polanskis zurecht kritisiert. Ich habe da auch erklärt, warum ich viele Entscheidungen von Polanski für hochproblematisch halte, aber es gleichzeitig nicht nur an Polanski hängt. Vereinfacht gesagt ist die Kadersituation (insbesondere in der Offensive) ein Problem, das die Situation zusätzlich verschärft. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, das Polanski ab Januar gemerkt hat, dass er etwas zu verlieren hat und dadurch ist seitdem die Qualität seiner Entscheidungen schlechter geworden.
    Dabei hatte Polanski in der ersten Saisonhälfte durchaus gezeigt, dass er sich und die Mannschaft anpassen kann und sogar zu sinnvollem Ingame-Coaching in der Lage ist - das wurde in einer früheren Schlusskonferenz auch festgehalten. Natürlich hat das nie 100% der Fälle funktioniert, aber das tut es doch bei keinem Trainer. Darüber hinaus wirkt es nicht so als hätte er die Mannschaft verloren und man sollte bedenken, dass er als Talent gilt/galt, das vorher nur Regionalliga gemanagt hat. D.h. man kann die Reißleine ziehen und es spricht sportlich einiges dafür, aber damit bedient man nur das Muster, das man seit Jahren durchzieht. Stattdessen könnte man sich auch in Geduld üben, den Verein vernünftig ausrichten und Polanski die Unterstützung und Zeit geben, die er braucht, um sich zu entwickeln. Dafür muss man sich aber bei den Verantwortlichen neu ausrichten.
  2. Vorstand
    Aktuelle Kritik am Vorstand (siehe hier z.B. - nicht die beste Quelle, aber im Gladbach-Umfeld schon mit einer gewissen Tragweite) schießt mal wieder gegen mangelnden Sachverstand und das Schwimmen in der eigenen Suppe (in diesem Fall heißt das hier mal “Klüngelei”). Nur hat man im Vorstand Finanzsachverstand (Stegemann) und mit Bonhof und Aretz Menschen sitzen, die einerseits den Verein kennen und andererseits ihren sportlichen bzw. medialen Sachverstand auch durchaus unter Beweis gestellt haben. In meinen Augen fehlt es also nicht am Sachverstand, sondern daran diesen vernünftig einzusetzen. In Freiburg kocht man auch seit Jahren in der eigenen Suppe, aber man hat einen vernünftigen Kurs, den man punktuell sinnvoll anpasst. Die Gerüchte um eine Polanski-Entlassung gibt es jetzt seit Wochen und da sei die Frage erlaubt, warum der Vorstand erst sehr überzeugt von ihm war und jetzt die Unterstützung vermissen lässt. Das klang nach dem dritten Spieltag eher nach einer zukunftsfähigen Lösung, die netterweise noch ein bisschen Stallgeruch mitbringt, als nach einer reinen Feelgoodstory. Im Übrigen meine ich mit der Unterstützung nicht nur die öffentliche Unterstützung, sondern z.Bsp. den Umstand einem unerfahrenen Trainer Ratschläge zur Hand zu geben, damit er nicht so unsouverän auftritt wie nach dem Mainz-Spiel. Vor allem muss man sich im Vorstand aber auch Gedanken darum machen, wo man tatsächlich steht und wie die Zukunft auszusehen hat. Aktuell hängt man der (vermeintlich) glorreichen Vergangenheit hinterher und scheint Vorstellungen über den Zustand des Vereins und der Bundesliga zu haben, die sich nicht mit den Ergebnissen der letzten sechs Jahre decken. Da lautet dann auch die Frage, welche Vorgaben man dem sportlichen Management macht.
  3. Schröder
    Castrop, Diks, Engelhardt und Tabakovic (Tabakovic Trefferquote in der zweiten Saisonhälfte hängt in meinen Augen auch stark an der hasenfüßigen Spielweise von Polanski) haben als Transfers funktioniert. Machino eher nicht. Macht 4 von 5 Treffer von Virkus (EDIT: 4 von 6, ich habe Reyna vergessen).
    Takai ist keine Verstärkung, Alejo spielt zurecht nicht. Bolin ist ein Versprechen, aber da fehlt noch was. Macht 0,8 von 3 Treffern von Schröder. Ansonsten hat er seine Leute in den Verein gebracht (was ich für normal halte) und er kommuniziert besser als Virkus. Zugleich gibt er für nächstes Jahr wieder einen einstelligen Tabellenplatz als Ziel aus und das klingt nach der ‘guten alten Zeit’. Ob das realistisch ist und der Kader so passt, wird aber nicht thematisiert. Darüber hinaus musste er Polanski akzeptieren und jetzt stellt er ihn in Frage. Wenn ich aber die Diskrepanz (siehe Ingame-Coaching) zwischen der guten Phase und jetzt sehe, dann frage ich mich, ob das nicht auch dem Manager auffallen muss und er da den (unerfahrenen) Trainer an die Hand nehmen sollte und ihn ermutigt, wieder mutiger zu sein (gilt auch für den Vorstand). Vielleicht macht er das und Polanski kann es nicht, aber ich habe von außen den Eindruck, dass weder Vorstand noch Management sich da mal mit Polanski hingesetzt haben und ihn unterstützen. Schröders Zukunftsvorstellungen sind auch vage was den Kader und den Fußball angeht. Es ist nicht klar, wie man spielen will, welche Transferpolitik man vornehmen möchte, wo man die Schwachstellen sieht und wie man A-Mannschaft und Jugendbereich verbinden will.
  4. Kader
    Der Kader ist gut. Auf keinen Fall europäisch gut, aber wenn man mal darauf schaut, was die Spieler in den guten Spielen zeigen, dann kann man sehen: Gut genug für die Bundesliga. Vor allem auch wenn man bedenkt, dass Hack, Kleindienst und Ngoumou in einer normalen Saison irgendwann zur Verfügung stehen. Trotzdem gibt es genug Schwachstellen: In der IV fehlen Backups, weil Chiarodia zwar noch am nächsten an der ersten Elf ist, aber es eigentlich nicht für die Bundesliga reicht. Takai und Friedrich helfen nicht (und werden gehen). Ullrich schwankt und Max findet auch Scally nicht überzeugend, aber ich habe ein wenig den Eindruck, dass die anderen BuLi-Teams zwischen Platz 10 und Platz 18 nicht unbedingt besser aufgestellt sind. Mit Engelhardt, Reitz, Castrop und Sander kann man vor der Abwehr arbeiten. Zwei davon sind aber wahrscheinlich bald weg. Gleichzeitig hat sich Castrop aber deutlich gesteigert diese Saison. Honorat kann sehr gut sein, trägt aber keine Saison, Stöger schwankt und wird nicht jünger, Hack hat ausreichend Niveau, wenn er fit ist. Mohya und Bolin lassen Talent aufblitzen. Reyna wird es nicht mehr schaffen. Kleindienst und Tabakovic reicht normalerweise auch für die Bundesliga. Durch den Saisonverlauf konnte man sehen, dass Machino aber nicht funktioniert und dann nur Tabakovic zu wenig ist. Mit Nicolas und Perreira Cardoso hat man zwei Torhüter, die man auf dem Niveau braucht. Neuhaus ist mal wieder und zu Recht außen vor.
    Kurzum ist der Kader bundesligatauglich (also um drin zu bleiben), mehr auch nicht.
    Nächste Saison braucht man aber: einen Backup-IV, wahrscheinlich einen für Scally/Ullrich, zwei fürs zentrale Mittelfeld, einen weiteren offensiveren Mittelfeldspieler, einen Ersatzstürmer. Alles unter der Prämisse, das keine weiteren Abgänge hinzukommen. Gleichzeitig hat man mit Cvancara, Omlin und Neuhaus grundsätzlich erstmal noch eine Saison spielerische Altlasten, die zu viel Geld kosten.
  5. Ausrichtung
    System und Spielstil sind erstmal irrelevant. Die müssen sich sowieso in Teilen nach dem richten, was man hat. Und das ist es, was dringend erforderlich ist. Schauen, was man mit den Spielern, die man hat überhaupt machen kann - egal wer auf der Bank sitzt. Gleichzeitig muss man endlich mal überlegen, wie eine erfolgreiche Saison aussieht und da sollte man sich mal klarmachen, dass man eben ein Mittelfeldverein der BuLi ist. D.h. man kann keine großen Sprünge machen, Abstieg ist immer eine Gefahr und Europa in einer herausragenden Saison möglich. Eine Conference-League-Teilnahme ist aber eigentlich kein nachhaltiger Erfolg, sondern vor allem viel Zufall. Nachhaltige Erfolge kann man an Spielerentwicklung, Fanzufriedenheit und den Verkaufserlösen festmachen. Momentan hat man alle drei nicht wirklich und man scheint auch keine Konkretisierung zu haben, wie man diese Punkte erreicht. Das müsste Ausrichtung heißen: Feststellen, was man an Spielern und an Potenzial (Jugendbereich, Infrastruktur) hat und dort auf konkrete Dinge hinarbeiten. Aber diese Ziele dürfen nicht mehr rein saisonal sein. Denn man hat die letzten 5-7 Jahre nur saisonal gearbeitet und sich zwar nicht finanziell zerstört, aber auch keine wirkliche Weiterentwicklung geschafft. Wenn man die will und sich Ziele über eine Saison hinaus setzt, dann muss man aber auch die ausreichende Geduld haben und diese endlich mal wieder dem Umfeld einimpfen: Vielleicht mit Polanski, aber der Name ist irrelevant. Für den nächsten Trainer wäre das genauso problematisch, wenn keine Geduld da ist. Genauso aber mit jungen Spielern und für die braucht man auch ein Konzept, wie man sie einbaut.
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