Ein paar Sachen vorweg: Es ist doof, dass man sich eher dann meldet, wenn man etwas schlecht findet, als wenn man loben könnte. Deshalb vorweg: Vielen, vielen Dank für die hervorragende journalistische Begleitung der EM im Rasenfunk! Ich habe (fast) jede Minute eurer Berichterstattung gehört und fand sie großartig, weil der „Rasenfunk“ genauer hinguckt, wo viele Medien sich mit Plattitüden und Kommentaren aus dem Bauch zufrieden geben. (Bestes Negativbeispiel bei dieser EM war wohl Bastian Schweinsteiger, der überhaupt nicht wusste, was man von ihm als ARD-Experte erwartete.) 
Das gilt aber eben für eine Folge nicht und das ist der Kurzpass 176. Hier haben die Gebrüder Hebel rein aus dem Bauch und ohne sich auf eine belastbare Studie oder empirisch abgefederte Erkenntnis zu beziehen, die Elfmetertaktik Southgates kritisiert. Es hat mich geärgert, dass sie das unwidersprochen so lange tun konnten.
Fußball ist grundsätzlich in einem hohen Maße ungerecht und das Ergebnis eines Fußballspiels (stärker als beim Handball oder Basketball) abhängig von Glück und Zufall. Das gilt potenziert beim Elfmeterschießen. Es gibt keine zu 100% erfolgversprechende Taktik beim 11m-Schießen; man kann nur versuchen, durch gründliche Vorbereitung die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass die eigenen Spieler treffen. Genau das hat Southgate m.E. getan.
Die Ergebnisse von Geir Jordet in Norwegen, der m.W. die am besten empirisch belegten Untersuchungen über Elfmeterschießen durchgeführt hat, widersprechen dem „gesunden Menschenverstand“. A. Nicht der erfahrene, alte Kämpfer ist der beste Elfmeterschütze, sondern junge Spieler treffen besser als ältere. Sie können sich aufgrund ihrer im Schnitt besseren Konstitution besser konzentrieren. B. Nicht der Spieler, der 120 Minuten hervorragend gespielt hat und voller Selbstbewusstsein zum Punkt schreitet, trifft häufiger, sondern der Spieler, der möglichst wenig gespielt hat und deshalb noch fitter ist als ein bereits ermüdetes Mitglied der Startelf. C. Nicht der Spieler trifft häufiger, der von vornherein eine Ecke anvisiert und in sie schießt, komme, was wolle, sondern der, der den Torwart „ausguckt“. (Robert Lewandowski macht das z.B. sehr schön vor, wie man solche Elfmeter schießt.) Geir Jordet findet ihr unter @GeirJordet bei Twitter; seine Erkenntnisse finden sich zusammengefasst auf englisch hier bei RTE oder auf deutsch hier bei 11freunde.
Southgate hat alles „by the book“ gemacht; genau so, wie man es machen sollte, wenn man sich auf empirische Studien verlässt statt auf „das haben wir immer schon so gemacht“ oder „mein Bauchgefühl sagt mir…“. Was hat es ihm genützt? Gar nichts. Die beiden Old-School-Schützen, die einfach eine Ecke anvisieren und den Ball reinknallen, haben getroffen; die drei „modernen“ Schützen, die alle zudem nicht in der Startelf standen und jung sind, nicht. Denn das Elfmeterschießen ist eben - siehe oben - eine Lotterie.
Man kann vieles an Southgate kritisieren. Ich fand nicht, dass England schön gespielt hat - und in der 1. Halbzeit des Finales ist England der Fokus auf Stabilität und Defensive zum Verhängnis geworden. Aber ihn ohne empirische Belege für seine Auswahl der Elfmeterschützen zu kritisieren, wie die Gebrüder Hebel, ist falsch. Das hätte Max m.E. mit ein, zwei Sätzen einordnen sollen.
Dass ich mich über eine solche „Kleinigkeit“ ausreichend aufrege, um hier einen längeren Kommentar zu schreiben, zeigt aber auch wiederum, wie gut alle sonstigen Rasenfunksendungen waren. Grundsätzlich weiter so! Danke!
