NT265: Conté Klopps Team nicht besser?

Wir haben mit diesen Gästen über die Spiele gegen die Niederlande und Griechenland gesprochen:

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Nach den ersten beiden Spielen unter Klopp stellt sich für mich weniger die Frage, ob seine Spielidee grundsätzlich funktioniert – das hat sie auf Vereinsebene oft genug bewiesen –, sondern ob sie zum aktuell verfügbaren deutschen Spielermaterial passt.

Meine These wäre: Klopps Fußball entfaltet seine größte Wirkung entweder dann, wenn der Gegner selbst das Spiel machen will und dadurch Räume für Pressing, Gegenpressing und Umschaltmomente anbietet, oder wenn Klopp offensiv über so viel individuelle Qualität verfügt, dass seine Mannschaft auch gegen einen tiefen und geordneten Gegner aus schwierigen Situationen heraus Tore und Chancen erzeugen kann.

Genau diese beiden Voraussetzungen sehe ich bei Deutschland als nicht gegeben.

Gegen Mannschaften, die selbst dominant auftreten, kann Klopps Ansatz grundsätzlich sehr gut funktionieren. Deutschland kann aggressiv pressen, nach Ballgewinnen schnell vertikal spielen und mit schnellen Spielern wie Adeyemi, Schade oder El Mala offene Räume attackieren. Problematisch wird es aber gegen Gegner, die Deutschland bewusst den Ball überlassen und tief verteidigen. Und das werden die meisten sein. Das Griechenland-Spiel war dafür zumindest ein erstes Indiz.

Das wirft für mich die entscheidende Frage auf: Woher sollen gegen solche Gegner konstant die Chancen kommen?

Bei Liverpool konnte Klopp dieses Problem unter anderem durch außergewöhnliche individuelle Qualität kompensieren. Mit Salah, Mané und Firmino hatte er vorne Spieler, die selbst aus nicht optimal vorbereiteten Situationen Durchbrüche erzeugen konnten. Dazu kamen mit Alexander-Arnold und Robertson zwei Außenverteidiger mit enormem offensivem Einfluss. Dortmund hatte mit Spielern wie Lewandowski, Reus oder Götze ebenfalls außergewöhnliche offensive Qualität.

Bei Deutschland sehe ich diese Voraussetzungen momentan nicht.

Deutschland besitzt aktuell keine Außenverteidiger auf dem Niveau, das Liverpool in seinen besten Klopp-Jahren dort hatte. Gleichzeitig erscheint mir die deutsche Innenverteidigung nicht ideal dafür, dauerhaft riesige Räume hinter extrem hoch positionierten Außenverteidigern abzusichern. Eine sehr aggressive Restverteidigung birgt deshalb ein erhebliches Umschaltrisiko.

Noch problematischer finde ich allerdings die Offensive.

Deutschland hat mit Musiala und Wirtz zwei Spieler, die individuell auf absolutem Topniveau Lösungen zwischen den Linien und auf engem Raum erzeugen können. Gerade gegen tiefstehende Gegner sind das eigentlich genau die Spielertypen, deren besondere Qualität Deutschland benötigt.

Wenn Klopps bevorzugte Struktur aber tatsächlich dauerhaft auf zwei sehr schnellen, breiten Flügelspielern wie Adeyemi, Schade oder El Mala plus einem zentralen Mittelfeld aus einem klaren Sechser und zwei Achtern hinausläuft, stellt sich zwangsläufig die Frage, wie Musiala und Wirtz gleichzeitig optimal eingebunden werden sollen.

Das wäre für mich besonders kritisch: Deutschland würde dann möglicherweise seine Spielidee stärker an den Anforderungen von Klopps System ausrichten, als das System an den Stärken der besten deutschen Spieler auszurichten.

Denn gleichzeitig fehlen Deutschland andere Spielertypen, die frühere Klopp-Mannschaften ausgezeichnet haben: kein Salah auf dem Flügel, kein Lewandowski im Zentrum und keine Außenverteidiger mit der offensiven Qualität von Alexander-Arnold und Robertson.

Dann entsteht möglicherweise eine ungünstige Kombination:

Man verzichtet teilweise auf die größten individuellen Stärken des vorhandenen Kaders, ohne auf den Positionen, die für Klopps bevorzugte Spielweise besonders wichtig sind, entsprechende internationale Qualität zu besitzen.

Nach zwei Spielen ist es natürlich viel zu früh, daraus ein abschließendes Urteil über Klopp als Bundestrainer abzuleiten. Es ist noch keineswegs bewiesen, dass Klopp Wirtz und Musiala langfristig nicht gemeinsam einplanen wird.

Aber genau das wäre für mich eine der zentralen Fragen der nächsten Spiele:

Passt Klopp sein System an die außergewöhnlichen Fähigkeiten von Wirtz und Musiala an – oder versucht er, Deutschland möglichst konsequent an seine eigene Fußballidee anzupassen?

Wenn Letzteres passiert, bin ich skeptisch, ob der aktuelle deutsche Kader dafür die passenden Spielertypen und die notwendige individuelle Qualität besitzt.

Also er hatte ja bei Dortmund und Liverpool völlig unterschiedliche Systeme, die jeweils total an die Spieler angepasst waren. Ich wüsste nicht mal was jetzt genau dieses „sein“ System sein soll.

Und welche Spielweise kann denn ohne Topspieler konstant Topleistungen kreieren? Mit wenig Trainingszeit auch noch? (Wenn es nen Trainer gibt, der das geschafft hat, dann ja am ehesten Klopp. Gibt umgekehrt genügend Trainer, die TROTZ Topspielern nicht konstant performt haben.)

Das ist bisschen die einfache Logik „keine Spitzenspieler = Gewinnen schwieriger“ aber irgendwo hast du noch relativ beliebig ein „und das liegt an Klopps Fußball“ reinaddiert. :grinning_face_with_smiling_eyes:

Ich denke, es wird ein Schuh draus wenn man sagt „solang wir keinen Spitzenkader haben, geht es gegen tiefstehende Gegner darum, die Null zu halten, damit ein Tor reicht“. Es gibt keinen Grund zu erwarten, dass man wie Bayern über solche Gegner drüber fährt, wenn nicht Diaz, Kane und Olise spielen, sondern Schade, Ebnoutalib und Adeyemi.

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Max, Karo musst du vorstellen. WIR kennen sie, aber es gibt ja hoffentlich auch immer wieder neue Hörer :smiling_face:

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Nachtrag zu Kimmich:

https://x.com/MartinRafelt/status/2104484068813414889

https://x.com/MartinRafelt/status/2104486921527542253

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In Klopps erfolgreichster Liverpool-Phase basierte das 4-3-3 auf einem extrem lauf- und gegenpressingstarken Mittelfeld, zwei außergewöhnlich offensiven Außenverteidigern, zwei torgefährlichen, nach innen ziehenden Flügelstürmern und Firmino als verbindender falscher Neun. Die kreative Last lag dadurch ungewöhnlich stark bei den Außenverteidigern und der individuellen Qualität der drei Angreifer.

Falsche 9 ist mit Havertz spielbar. Aber wo sind die nötigen AVs für sein System? Wo der 6er? Wo die Flügelspieler? Wo passen da Wirtz und v.a. Musiala rein?

Aus meiner Sicht kann Deutschland nur erfolgreich sein, wenn man die drei besten und talentiertesten Spieler ihrer Generation in einem Spielsystem zusammen funktionierend auf den Platz bekommt. Und das sind Kimmich, Wirtz und Musiala. Sehe ich leider noch nicht, wie die in den „Klopp-Fußball“ reinpassen sollen. Kimmich nicht physisch stark genug für die 6. Musiala und Wirtz erfüllen das Profil für die Art von Flügelspielern auch nicht. Damit bleibt schon einmal mindestens einer von den Dreien auf der Strecke. Und ob Kimmich in dem System eine Rolle findet, indem er seine Stärken einbringen kann, ist auch nicht absehbar. Klopp steht da mehr auf Typen wie Nmecha, Stach etc.. Also Spieler, die mit einer hohen Intensität laufen und Zweikämpfe führen.

Treu meine Entdeckung des Wochenendes. Den SCF schau ich kaum.

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Das ist doch aber schon mal nicht das System, was er aktuell spielt und bei Dortmund genutzt hat. Wie kommst du drauf, dass das relevant ist?

Das entstand bei Liverpool aus der Idee, das beste aus Salah und Mane herauszuholen, während diese AVs eben verfügbar waren. Ich gehe schwer davon aus, dass er auch in der NM versuchen wird, ein System zu finden, das das Maximum aus den besten Spielern rausholt. Hat er immer gemacht.

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Dein Wort in Gottes Ohr.

Aber Schade & Adeyemi sind schon klar die Flügelspieler-Typen wie zu seiner Liverpool-Zeit. Nur halt in schlecht.

Das Mittelfeld mit Nmecha und Amiri sind auch eher die lauffreudigen Allrounder, weniger die Typen, die einen tiefen Block bespielen können.

Die AVs, die er in seinem 44-Mann-Kader reingenommen hat, sind auch zum größten Teil offensive Wingbacks, weniger klassische AVs. Nur eben in viel schlechter als in Liverpool. Brown ist ein schwächerer TAA und der Rest ist maximal durchschnittliches Bundesliga-Niveau.

Ich sehe super viele Parallelen zu seinem System bei Liverpool. Kann aber auch an meinen Bias liegen. Ich suche schon nach Parallelen, das muss ich zugeben.

Havertz ist ein Stürmer keine falsche 9. Aber ich weiß was du meinst.

Ja, falsche Neun ist nicht 100% richtig. Aber er ist ein Spieler, der sich ähnlich wie Firminio gerne zurückfallen lässt und damit Raum für die schnellen, nach innen-ziehenden Flügelspieler generiert. Halt ein Stürmer, der nicht nur in der Box lauert, der was am Ball kann und spielintelligent ist.

Fair. Mir will im Moment auch dämmern, dass es Klopp weniger um ein System geht (seins oder wessen auch immer), sondern um ein Narrativ. Und es scheint ein Underdognarrativ zu sein. „Wir sind nicht so gut wie die anderen, aber wir können die trotzdem schlagen.“

Daraus FOLGT natürlich irgendwann ein System, eine taktische Ordnung. Und wenn ich da so rumgucke und Kimmich, Musiala und Wirtz sehe, frage ich mich wie @Itze , ob die alle drei da Platz finden werden.
Und das fände ich verrückt, wenn nicht.

Ehrlich gesagt, stimme ich dir da bei keinem Spieler so richtig zu. :smiley:

Brown am ehesten, aber auch der wurde nicht wie A-A als Aufbauspieler eingebunden sondern dauernd Richtung offensiver Halbraum oder als Breitengeber.

Was er jetzt gespielt hat und auch die Spielertypen orientieren sich mMn eher hieran:

Und die Existenz von Musiala und Wirtz sind wahrscheinlich auch der Hauptgrund, dass eben nicht 4-3-3 versucht wird. (Obwohl etwa die Stürmertypen sehr gut dazu passen.)

Ich kenne deine höhere Fachkompetenz an und hoffe darauf, dass sich dein Vertrauen und deine Hoffnung auszahlt.

Aber das große Problem bei Wirtz/musiala ist doch hauptsächlich das beide fast nie zusammen fit waren und sich einspielen konnten.

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Obwohl es dazu genug Gegenbeispiele gibt. Das bekannteste in Deutschland ist wahrscheinlich das Duell Netzer und Overath von denen immer nur einer in der Nationalelf starten konnte.

Auch bei England gab es immer wieder Stimmen, die kritisierten, dass z.B. Lambert und Gerrard spielten.

Und hat nicht auch Spanien bei dieser WM vermeintlich schwächere Spieler spielen lassen?

Ihre Besten haben aber alle gespielt. :wink:

Hab schon wieder keins der Spiele angeschaut und geb. trotzdem meinen Senf dazu: Musiala ist sicher ein Ausnahmespieler, aber ich würde als Nationaltrainer kein System bauen in dem er quasi nicht ersetzbar ist, allein aufgrund der Verletzungs/Krankheitshistorie. Deswegen fände ich es nicht so abwegig, wenn Klopp etwas installieren wollte was auch funktioniert wenn nur einer von beiden spielt.

Gib Brown noch 1-2 Jahre und er wird besser sein als TAA.
Er ist imho nach Havertz, Wirtz, Musiala und Kimmich der talentierteste deutsche Spieler im Moment!

Ich glaube nicht, dass Klopp stark auf ein bestimmtes Spielsystem also z.B. ein klares 4-3-3 mit Falscher Neun o.Ä. festgelegt ist, sondern eher auf bestimmte Prinzipien, wie z.B. schnelles Gegenpressing nach Ballverlust aber auch insgesamt mehr defensive Stabilität wenn der Gegner den Ball hat als unter Nagelsmann.
Ich finde, dass Martin Rafelt einen guten Punkt gemacht hat: Die beiden Gegentore und andere großen Chancen der Gegner waren jeweils die Folge von Fehlerketten, die man eigentlich abstellen können sollte.

Offensiv traue ich Klopp verschiedene Varianten zu, aber glaube auch, dass Wirtz/Musiala tendenziell nicht so viel zusammen auflaufen werden, sondern sich in der zentralen Position abwechseln. Sowohl Amiri, als auch Conti und Kevin Schade fand ich nicht so toll, weswegen ich glaube, dass links offensiv eher Führich/Scherhant/el Mala in Frage kommen.
Köln schule ich nicht so oft, aber Führich/Scherhant spielen in ihren Vereinen ja recht ähnlich, was nach innen ziehen und vom AV überlaufen werden angeht. Rechts ließe sich ähnliches über Adeyemi/Gruda + Treu/Vagnoman/Baku sagen.
Interessant wird, wer sich neben Kimmich auf der Sechs durchsetzt.

Bin schon sehr gespannt auf die nächsten beiden Spiele. :slightly_smiling_face: