Nach den ersten beiden Spielen unter Klopp stellt sich für mich weniger die Frage, ob seine Spielidee grundsätzlich funktioniert – das hat sie auf Vereinsebene oft genug bewiesen –, sondern ob sie zum aktuell verfügbaren deutschen Spielermaterial passt.
Meine These wäre: Klopps Fußball entfaltet seine größte Wirkung entweder dann, wenn der Gegner selbst das Spiel machen will und dadurch Räume für Pressing, Gegenpressing und Umschaltmomente anbietet, oder wenn Klopp offensiv über so viel individuelle Qualität verfügt, dass seine Mannschaft auch gegen einen tiefen und geordneten Gegner aus schwierigen Situationen heraus Tore und Chancen erzeugen kann.
Genau diese beiden Voraussetzungen sehe ich bei Deutschland als nicht gegeben.
Gegen Mannschaften, die selbst dominant auftreten, kann Klopps Ansatz grundsätzlich sehr gut funktionieren. Deutschland kann aggressiv pressen, nach Ballgewinnen schnell vertikal spielen und mit schnellen Spielern wie Adeyemi, Schade oder El Mala offene Räume attackieren. Problematisch wird es aber gegen Gegner, die Deutschland bewusst den Ball überlassen und tief verteidigen. Und das werden die meisten sein. Das Griechenland-Spiel war dafür zumindest ein erstes Indiz.
Das wirft für mich die entscheidende Frage auf: Woher sollen gegen solche Gegner konstant die Chancen kommen?
Bei Liverpool konnte Klopp dieses Problem unter anderem durch außergewöhnliche individuelle Qualität kompensieren. Mit Salah, Mané und Firmino hatte er vorne Spieler, die selbst aus nicht optimal vorbereiteten Situationen Durchbrüche erzeugen konnten. Dazu kamen mit Alexander-Arnold und Robertson zwei Außenverteidiger mit enormem offensivem Einfluss. Dortmund hatte mit Spielern wie Lewandowski, Reus oder Götze ebenfalls außergewöhnliche offensive Qualität.
Bei Deutschland sehe ich diese Voraussetzungen momentan nicht.
Deutschland besitzt aktuell keine Außenverteidiger auf dem Niveau, das Liverpool in seinen besten Klopp-Jahren dort hatte. Gleichzeitig erscheint mir die deutsche Innenverteidigung nicht ideal dafür, dauerhaft riesige Räume hinter extrem hoch positionierten Außenverteidigern abzusichern. Eine sehr aggressive Restverteidigung birgt deshalb ein erhebliches Umschaltrisiko.
Noch problematischer finde ich allerdings die Offensive.
Deutschland hat mit Musiala und Wirtz zwei Spieler, die individuell auf absolutem Topniveau Lösungen zwischen den Linien und auf engem Raum erzeugen können. Gerade gegen tiefstehende Gegner sind das eigentlich genau die Spielertypen, deren besondere Qualität Deutschland benötigt.
Wenn Klopps bevorzugte Struktur aber tatsächlich dauerhaft auf zwei sehr schnellen, breiten Flügelspielern wie Adeyemi, Schade oder El Mala plus einem zentralen Mittelfeld aus einem klaren Sechser und zwei Achtern hinausläuft, stellt sich zwangsläufig die Frage, wie Musiala und Wirtz gleichzeitig optimal eingebunden werden sollen.
Das wäre für mich besonders kritisch: Deutschland würde dann möglicherweise seine Spielidee stärker an den Anforderungen von Klopps System ausrichten, als das System an den Stärken der besten deutschen Spieler auszurichten.
Denn gleichzeitig fehlen Deutschland andere Spielertypen, die frühere Klopp-Mannschaften ausgezeichnet haben: kein Salah auf dem Flügel, kein Lewandowski im Zentrum und keine Außenverteidiger mit der offensiven Qualität von Alexander-Arnold und Robertson.
Dann entsteht möglicherweise eine ungünstige Kombination:
Man verzichtet teilweise auf die größten individuellen Stärken des vorhandenen Kaders, ohne auf den Positionen, die für Klopps bevorzugte Spielweise besonders wichtig sind, entsprechende internationale Qualität zu besitzen.
Nach zwei Spielen ist es natürlich viel zu früh, daraus ein abschließendes Urteil über Klopp als Bundestrainer abzuleiten. Es ist noch keineswegs bewiesen, dass Klopp Wirtz und Musiala langfristig nicht gemeinsam einplanen wird.
Aber genau das wäre für mich eine der zentralen Fragen der nächsten Spiele:
Passt Klopp sein System an die außergewöhnlichen Fähigkeiten von Wirtz und Musiala an – oder versucht er, Deutschland möglichst konsequent an seine eigene Fußballidee anzupassen?
Wenn Letzteres passiert, bin ich skeptisch, ob der aktuelle deutsche Kader dafür die passenden Spielertypen und die notwendige individuelle Qualität besitzt.