Hi Max!
Wir haben uns auf dem 11mm Fußballfilmfestival kennengelernt und es kann sogar sein, dass ich dir da kurz meine Geschichte schon erzählt habe, da ein gemeinsamer Bekannter, den ich nur aus dem Freikirchenumfeld kannte, vor Ort war.
Ich war in meinen Teenagerjahren recht orientierungslos, wurde mit 15 von Schulfreunden zu einer Missionsveranstaltung von deren Kirche eingeladen und habe nach dort recht schnell “mein Leben Jesus übergeben”. Diesen Akt, sein Leben Jesus zu übergeben, gilt unter Evangelikalen als die eigentliche Definition, ob jemand Christ ist: daher sind die meisten Christen mit Kindestaufe aus den üblichen Landeskirchen für Evangelikale sogenannte “Scheinchristen”.
Die Gemeinde, in die ich ging, war Teil der Evangelischen Allianz und ist somit keine wirkliche Freikirche, sondern eine “landeskirchliche Gemeinschaft”. Diese sind inhaltlich unabhängig, formell aber Teil der Landeskirchen, jedoch geben die meisten Erwachsenen 10% ihres Gehalts der Gemeinde (sie tritt auch als politische Lobbyorganisation für “konservative” Positionen auf). Wir knüpften auch gute Kontakte und besuchten tatsächliche Freikirchen, darunter auch Pfingstler, die in Zungen reden oder prophetische Gaben haben (ein befreundeter Teenager hat bspw. von Gott den Auftrag bekommen, die krebskranke Mutter seines Freundes mit Handauflegung zu heilen und ist jeden Tag nach der Schule dorthin).
Ich spielte in Worshipbands mit, besuchte Konzerte von Hillsong, war auf Jugendkongressen von Willow Creek Deutschland, und war auf Jugendfreizeiten am Starnberger See, wo wir an einem Tag im Missionseinsatz in der Münchner Innenstadt Passanten für Jesus zu gewinnen versuchten. Diese Gemeinschaft hat mir als zuvor orientierungsloser 15 bis 18-jähriger sehr viel gegeben, ich hatte auf einmal Freunde, die mich wirklich liebten und für mich beteten.
Irgendwann stellte ich fest, dass ich mich zu Männern sexuell hingezogen fühle, und ich habe jahrelang gebetet, dass das weggeht. Ich hatte schon einen Flyer von Wüstenstrom in der Hand, habe dann aber nach dem Abitur einen Cut mit der Kirche gemacht (natürlich mit der Konsequenz, dass ich sehr viele Freunde dadurch verloren habe). Der letztendliche Anlass war, dass ich nachgefragt habe, was denn mit den Dinosaurierknochen sind, die unter der Erde liegen und Millionen von Jahren alt sein sollen. Die Antworten “da ist irgendein Tier im Buch Hiob - das muss ein Dinosaurier sein” oder “Satan hat sie unter die Erde gelegt, um uns zu verwirren” hatten bei mir das Fass zum Überlaufen gebracht.
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Als BVB-Fan fand ich die Verpflichtung Nmechas nach seinen Posts (“Satan = LGBTQ”) und Reposts von Christian Nationalism/MAGA-Content absolut inakzeptabel. Während die einzige Entschuldigung Nmechas war, dass er ja alle Menschen liebt (ich nehme ihm sogar ab, dass er dies glaubt!), feierten evangelikale Medien Nmecha als Märtyrer, der sich “nicht unterkriegen lassen” soll, und sieht den folgenden Shitstorm als “Weckruf für Christen”.
Es bleibt beim BVB auch nicht nur bei Nmecha: Wir haben eine ganze Reihe Spieler verpflichtet, die eine direkte Verbindung zu BallersinGod haben (darunter Chukwuemeka, Gittens, Duranville, Maatsen, Couto und viele Jugendspieler). Diesen Spielern habe ich anders als Nmecha jedoch nichts vorzuwerfen und ich akzeptiere auch, dass diese Spieler auf ihren Social Media Kanälen frei missionieren können, solange keine Wertekodex-Grenzen überschritten werden.
Sebastian Kehl ist Mitverfasser der Fußballbibel, die jungen Fußballfans vermitteln soll, dass das “Erfolgsgeheimnis” für den sportlichen Erfolg von deinen Lieblingspersönlichkeiten (Klopp, Alaba, Marco Rose, diverse Nationalspieler) der Glauben an Jesus ist. Wer wirbt neuerdings auch mit seinem Gesicht für die Fußballbibel? Felix Nmecha.
Als schwuler Mensch konnte ich über die Jahre beobachten, wie aus LGBT-Netzwerken in Konzernen irgendwann Karrierenetzwerke wurden, wo sich ambitionierte, queere Angestellte gegenseitig Jobs vermittelten und beruflich Türen öffneten. Eine ähnliche Situation habe ich auch schon unter zwei evangelikalen Bekannten erlebt, wo jemand einen Job bekommen hat, weil er aus einer ähnlichen Gemeinde kommt.
Die größte Gefahr für den Fußball sehe ich deshalb darin, dass Netzwerke evangelikaler Spieler auch irgendwann Karrierenetzwerke werden, besonders wenn die Entscheider über Transfers auch Evangelikale sind. BallersinGod könnte zu einem Art Schatten-Scoutingdepartment werden, Transfers vermitteln oder Traininginfrastruktur anbieten, die Mitgliedern Karrierevorteile bieten sollen. Diese Entwicklung wäre zumindest begrüßenswert als “Dominating media, arts and entertainment” hinsichtlich des Seven Mountain Mandates, über das ihr auch in der Folge sprecht.
Ich kann Sebastian Kehl keinen konkreten Vorwurf zu machen, er habe absichtlich evangelikale Spieler beim BVB verpflichtet: er hat auch viele andersgläubige Spieler verpflichtet und zudem gibt es viel mehr evangelikale Fußballspieler als in der Gesamtbevölkerung. Als ich Christ war, bin ich jedoch Mitgläubigen mit vielen mehr Vertrauen und Offenheit begegnet als Andersgläubigen (die mich ja nicht richtig verstehen können, da sie Jesus nicht kennen, und per definitionem in die Hölle kommen, wenn ich sie nicht rette). Müsste ich damals zwischen einen nicht-christlichen Spieler und einem Spieler entscheiden, der Jesus liebt, hätte ich mich definitiv für den Christen entschieden. Wenn für Kehl und andere in der Fußballbibel der Glaube an Jesus ein “Erfolgsgeheimnis” darstellt, kann ich als BVB-Fan nur hoffen, dass er nicht evangelikalen Spieler positive mentale Eigenschaften zugeschrieben hat, sondern wirklich nur nach Qualität entschieden hat. Denn ich hätte damals nicht so gemacht.
Danke für die tolle, superrelevante Folge.