Haha. „Rechtsoffen“. Willkommen in 2026, wenn die Frage nach Gründen bei möglichen Auffälligkeiten, um ggf. ordentliche Prävention betreiben zu können, „rechtsoffen“ ist. Aber warum auch analysieren, ggf. unangenehme Fragen stellen und nach Antworten suchen, wenn man einfache Antworten geben kann. Leben ist eh zu kompliziert. Haben wir ja gerade in der Diskussion zu Frauen in führenden Figuren im Fußball gesehen. Zahlen ohne Hintergrund genügen fürs Weltbild. Männer sind verantwortlich und sowieso schuld. Keine weiteren Fragen. Genauso bei der PKS. Bloß nicht tiefer graben, ob es noch andere Ursachen geben könnte. Sollen sie doch Kuchen essen, mehr arbeiten und sich weniger krank melden. Einfache Antworten sind die besten. Aber um es dir zu erklären: Wahrscheinlich kennst du den Sportler Israel Folau nicht, bei dem habe ich das erste Mal ca. 2019 davon gehört, dass viele Menschen, die von den Pazifikinseln stammen, sehr strenggläubig sind und auch sehr harsche Einstellungen zu Homosexualität haben. Ich habe erst später die Bedeutung des Films „Moonlight“ begriffen, weil mir nicht bekannt war, dass Homosexualität in der afro-amerikanischen Community noch sehr tabubehaftet ist. Dass die katholische Kirche als Weltkirche sehr unter Druck aus dem „globalen Süden“ steht und Sorge hat, Einfluss ausgerechnet an Evangelikale zu verlieren, wenn sie sich heute eurozentristisch bzgl. Homosexualität zu offen positionieren sollte, sollte man inzwischen auch mitbekommen haben. Und so fällt es mir inzwischen auf, wenn fast alle genannten Fußballer einen entsprechenden Hintergrund haben. Das ist alles. Damit werte ich nicht, sondern stelle erstmal nur fest. ich habe keine Antwort - nicht mal Vermutungen - darauf, wieso dieser evangelikale Glaube in einigen Milieus besser verfängt als in anderen. Das fände ich aber wichtig zu wissen, wenn man tatsächlich etwas dagegen unternehmen und sich nicht nur empören will. Für dich ist aber wahrscheinlich schon eine ablehnende Haltung zum Menschenhandel, sorry zur „Leihmutterschaft“, „rechtsoffen“. Oder die Ablehnung von Prostitution als Empowerment und ein anderer Blick auf die dortigen Machtverhältnisse.
Da du dich ja offensichtlich „queer“ zugehörig fühlst, was in meinem schwulen Umfeld so niemand sagt, wäre ich mit „rechtsoffen“ im Übrigen vorsichtig. Was da an Rückkehr- und Anspruchsideologie nach einem selbst angefangenen und dann verlorenen Krieg vor ca. 80 Jahren gegen Israel abgeht, lässt unsere (Ur)Großelterngeneration aus den Vertriebenenverbänden doch ein Tränchen des Stolzes verdrücken. Von „Genozid“ fabulieren auch die Neonazis jedes Jahr in Dresden. Und die Reaktionen beim ESC in der Halle sprechen auch wieder für sich. Die Nähe zu und Unterstützung von islamistischen Regimen ist auch kein Zufall. Aber wahrscheinlich bist du auch für ein allgemeines Tempolimit (Viel Spaß bei der Recherche, wer das aus welchen Gründen - zu viele Todesopfer und Schonung von Ressourcen - schon mal eingeführt hat. Mehr „rechtsoffen“ geht eigentlich nicht.) Aber hey, hau das ruhig raus. Wegen so einer Scheiße gehe ich (und mein Eindruck ist, nicht nur ich) irgendwann nicht mehr zur Wahl. Dann kannst du drüber schimpfen, wie sich Mehrheitsverhältnisse so katastrophal ändern konnten, und Gott (oder die Evangelikalen) und die Welt dafür verantwortlich machen, aber bitte nicht selbst hinterfragen, obwohl du mit solchen hanenüchenen Vorwürfen der AfD die Tür freundlich offenhältst. Schlechte Politik und so ein Blödsinn, Sachen, die einem selbst nicht gefallen, als „rechtsoffen“ zu bezeichnen, treibt die Leute nicht hin zur AfD, aber weg von den seriösen Parteien. Und es zerstört jegliche Solidarität. Herzlichen Glückwunsch dazu.
Ansonsten habe ich eben eine andere Auffassung. Die große Gefahr für Schwule aus religiösen Gründen (und um die geht es, Neonazis sind ein anderes Thema), über die niemand spricht, geht nicht von Evangelikalen aus. Es gab keinen Artikel in der SZ vor einiger Zeit über einen schwulen Lehrer, der wegen seiner Homosexualität von der evangelikalen Schülerschaft gemobbt wird. Und die gesellschaftliche Bedeutung ist natürlich auch nicht zu vergleichen. Da muss man nur an die Demo in Essen denken, als Tausende von Islamisten nach Geschlechtern getrennt - Trad Wives und Männer - die Einführung eines Gottesstaates gefordert haben. Als Nächstes dann bitte eine Reportage, wie gefährlich Fahrräder im Straßenverkehr sind, aber Autos einfach nicht erwähnen. Die Reaktionen eines Schwulen- und Lesbenclubs in Berlin aus Sorge um die Sicherheit der Besucherinnen und Besucher gegen eine Einrichtung für Asylbewerber in unmittelbarer Nähe zum Club; die Äußerungen (und Reaktionen) von Kevin Kühnert zu seinem Leben in Neukölln, und die Warnungen der Berliner Polizeipräsidentin, in denen sie Jüdinnen und Juden sowie Homosexuellen geraten hat, in bestimmten Gegenden der Hauptstadt besonders vorsichtig zu sein, nicht zu vergessenUnd jedes Mal gab es von denen, die sich für links und/oder progressiv halten, die Warnung, man würde stigmatisieren (passiert im Übrigen so gut wie nie, wenn man für Ostdeutschland verallgemeinert. Wieso bloß?). Als Malte beim CSD in Münster getötet wurde, waren Social Media voll mit Vorwürfen gegen Alice Schwarzer und „Emma“ und die bösen Weiber. Bis der Täter bekannt wurde, plötzlich wurde die Klappe gehalten. Zufall? Eher nicht. Für mich ist der Gedanke, dass Themen in vermeintlich linken/progressiven Bubbles aus ideologischen Gründen nicht bespielt werden, daher nicht sonderlich fernliegend (Hierzu könnte man auch den aktuellen Verdacht möglichen Täterschutzes in einer Jugendeinrichtung in Berlin heranziehen.). Vor diesem Hintergrund Evangelikale zur religiös begründeten Gefahr für z. B. schwules Leben zu machen, die unbedingt angesprochen werden muss, halte ich daher für ideologisch begründet, wenn man anderen religiösen Schwulenhass nicht verhältnismäßig thematisiert. Hierzu sei auch auf den aktuellen Fall in Brandenburg hingewiesen, bei dem Neonazis gemeinsam mit migrantischen Gruppen Schwule über Dating Apps in eine Falle gelockt haben. Eine ganz neue und offensichtlich sehr gefährliche Querfront, die sich da auftut (Um im Fußballjargon zu bleiben: In den Farben getrennt, in der Sache (Schwulenhass) vereint.). Da erschließt sich mir die Fokussierung auf die Gefahr durch Evangelikale nicht. Zumal kein Hinweis auf vergleichbare Gefährlichkeit erbracht wird. Da muss man dann damit klarkommen, dass das angesprochen wird.

