TSG Hoffenheim 2025/26
1) Der Transfersommer
Zugänge: ZDM Leon Avdullahu (8 Mio., Basel), IV Koki Machida (4,75 Mio., Saint-Gilloise), ZM Wouter Burger (4 Mio., Stoke City), ST Deniz Zeitler (1 Mio., Ingolstadt), LV Bernardo (ablösefrei, Bochum), ST Tim Lemperle (ablösefrei, Köln), RV Vladimir Coufal (ablösefrei, West Ham), RV Tim Drexler (Leihende, Nürnberg), OM Muhammed Damar (Leihende, Elversberg), ST Fisnik Asllani (Leihende, Elversberg)
= -17,75 Mio.
Abgänge: ZM Anton Stach (20 Mio., Leeds United), IV Joshua Quarshie (3,5 Mio., Southampton), LM Marius Bülter (1 Mio., Köln), ST Haris Tabaković (0,75 Mio. Leihe, Gladbach), ZM Tom Bischof (0,3 Mio., Bayern München), ZDM Diadie Samassékou, RV Pavel Kaderabek (Sparta Prag), LV Christopher Lenz (Düsseldorf), TW Nahuel Noll (Leihe, Hannover), IV Attila Szalai (Leihe, Kasimpasa), IV Stanley Nsoki (Leihe, Union Berlin), OM Florian Micheler (Leihe, Bielefeld), OM Bambasé Conté (Leihe, Elversberg), ST Erencan Yardimci (Leihe, Braunschweig)
= +25,55 Mio.
Saldo: +7,8 Mio.
Streichliste: ZDM Grillitsch, ZM Geiger, ST Berisha, ST Bebou (?)
Könnte noch verliehen werden: ZM Hyryläinen, ST Mokwa
2) Der Kader und das System
Aktuell umfasst der Kader 29 Spieler, Andreas Schickers Ziel sind 27 Spieler (Quelle: BlackFM, einem Grazer Fan-Podcast, dort war er im Sommer vor dem Trainingsauftakt zu Gast).
TW: Baumann, Philipp, Petersson
RV: Coufal, Drexler, Gendrey (verletzt)
RIV: Chaves, Hranáč, Kabak (im Aufbau)
LIV: Machida, Akpoguma
LV: Bernardo, Behrens
RZM: Avdullahu, Becker
LZM: Burger, Tohumcu, Prömel
ROM: Kramarić, Prass
LOM: Touré, Damar
RS: Lemperle, Orban, Bebou, Hložek (im Aufbau)
LS: Asllani, Moerstedt, Mokwa
Die Torhüter: Oliver Baumann hat seinen Vertrag langfristig verlängert, Talent Nahuel Noll wurde ein weiteres Jahr verliehen und wird bei Titz in Hannover seine Spielstärke am Ball weiter zur Schau stellen dürfen. Luca Philipp ist ein solider Back-Up in der Bundesliga, seit 2013 im Verein. Lukas Petersson wird vermehrt in der 3. Liga im Tor stehen. An Baumann führt natürlich kein Weg vorbei. Er peilt den Bundesliga-Rekord an, 114 Spiele fehlen noch, um Karl-Heinz Körbel zu überholen.
Die Abwehr: Bis auf Arthur Chaves finden sich hier drei Neue in der Startelf. Eigentlich waren Valentin Gendrey und Tim Drexler als RV-Duo geplant, durch die schwere Verletzung des Franzosen wurde mit Vladimir Coufal eine erfahrene Sofortlösung verpflichtet. Im Trainingslager und davor wurde U23-Spieler Luka Durić als RV getestet. Der Ur-Sinsheimer ist aber eigentlich im zentralen Mittelfeld der zweiten Mannschaft zu finden, hat noch nie höher gekickt als Regionalliga. Den Aufschrei einiger Hoffenheim-Fans, man hätte Pavel Kadeřábek auch halten können, kann ich nur bedingt verstehen. Niemand konnte mit Gendreys Langzeitausfall planen – und wäre Coufal nicht auch ein älterer Tscheche, hätten wir die Kaderabek-Vergleiche überhaupt nicht. Dass Coufal seit Jahren vor Kadeřábek Tschechiens Nr. 1 RV ist und fünf Jahre Premier League-Stammspieler war, wurde bei aller Emotionalität fast vergessen. Für mich ist er ein klares Upgrade zu Kadeřábek, trotz Pavels Legendenstatus. Drexler wird sich nach seinem Leihjahr bei Nürnberg zeigen dürfen, diesmal aber als Außenverteidiger und nicht als Halbverteidiger in einer Dreierkette. Auf der linken Seite gibt es ein ähnliches Duo: mit Bernardo ist ein erfahrener, defensiver Mann aus Bochum gekommen, der bei der TSG nicht als IV, sondern klar als Linksverteidiger geplant ist. Behrens ist ein Eigengewächs, vom Typ her offensiver LV und bekommt die Chance auf Bundesliga. Er hat es in der Vorbereitung gut gemacht. Generell gilt: Beide AV-Pärchen bestehen aus einem IV-Hybriden (Drexler, Bernardo) und einem offensiven Flügelverteidiger mit Zug nach vorne (Coufal, Gendrey, Behrens). In den Tests spielten immer entweder Drexler und Behrens oder Coufal und Bernardo zusammen. Sinn der Sache: Schieben die Flügelverteidiger hoch, können Drexler oder Bernardo im Aufbau eine Dreierreihe bilden. Dieses Muster war mit Lavalée (Typ IV) und Gazibegović (Wing Back auf rechts, jetzt bei Köln) schon in Graz zu sehen, zudem hatte Ilzer im Vorjahr mit Fehlerteufel Stanley Nsoki das so getestet. Bernardo ist hier ein klares, weil wesentlich ballsicheres und weniger anfälligeres Upgrade. Er besticht in den Tests mit gutem Zweikampfverhalten, Kopfballstärke und schönen Chipbällen im Aufbau auf die Tiefensprinter Bazoumana Touré oder Tim Lemperle. In der Innenverteidigung ist Schicker mit Koki Machida ein echter Steal gelungen. Der Japaner kommt für knapp unter 5 Mio. bei einem Marktwert von 11 Mio. (bei Transferkmarkt.de) in den Kraichgau. Machida ist Linksfuß, spielt viele progressive Pässe (96%ile bei fbref) und treibt den Ball auch gerne dribbelnd nach vorne (77%ile). Von einer Østigård-Verpflichtung hat man abgesehen, der Norweger war zu teuer. Und: Kramers Last-Minute-Transfer Robin Hranáč bekommt seine erste echte Chance als IV Nr. 3 hinter Chaves und Machida. Solange Ozan Kabak noch nicht matchfit ist, wird Akpoguma als Notnagel dienen. So gerne ich ihn mag, tut es gut zu wissen, dass er für die Startelf diese Saison keine Rolle spielen wird. Bei Arthur Chaves weiß man, was man bekommt: 96%ile Tackles, 91%ile Interceptions, 96%ile Blocks, wenig Impact nach vorne. Der Brasilianer hat ebenfalls seinen Vertrag verlängert. Die erste Edition der Hopp-Wittmann-Viseu-Connection scheint hier funktioniert zu haben. Die Abwehr steht und ist mit Sinn für das neue 4-2-2-2 System aufgestellt: Coufal, Chaves, Machida und Bernardo werden spielen.
Die Zentrale: Auch hier ist (fast) alles neu. Mit Leon Avdullahu kommt ein defensiver Sechser ins Team, vorbei ist die Zeit der Rückkehr von Diadie Samassékou weil es sonst keinen passenden Spielertyp für diese Rolle im Kader gab. Avdullahu bleibt hinten, Nebenmann und Linksfuß Wouter Burger ist als Stach-Ersatz klarer Box-to-Box-Spieler und schaltet sich mit nach vorne ein. Gegen den Ball steht Hoffenheim sogar gerne mal im 4-1-2-3 auf dem Feld, mit Avdullahu als Abfangjäger vor der Viererkette und Burger als Nebenmann des einrückenden rechten Zehners auf der Achterposition. Aber: Beide haben keine Bundesliga-Erfahrung und kommen aus kleineren Ligen, Avdullahu aus der Schweiz und Burger aus der zweiten englischen Liga. Wird spannend zu sehen sein, wie schnell sich die neue Zentrale finden wird. Burger hat ein interessantes Profil, traf schon zwei Mal in der Vorbereitung mit seinem strammen Linken und hat sehr gute Defensivwerte (88%ile Interceptions, 93%ile Clearances, 90%ile Kopfballduelle). Seine Passquote (74,5% sind die 12%ile) und sein genereller Impact nach vorne sind dagegen sehr schwach (28%ile bei Shot Creating Actions). Am ehesten Druck auf Burger macht Eigengewächs Umut Tohumcu; Finn Becker und Grischa Prömel stehen hinten dran. Wie lange Prömel nach Kreuzbandriss braucht, bleibt abzuwarten. Ebenso wie bei Kabak hat man hier aufgrund der Kaderstruktur aber viel Zeit. Avdullahu und Burger gehen also als komplett erneuerte und vorerst gesetzte Doppelsechs in die Saison.
Die Kreativen: Im neuen 4-2-2-2 spielen zwei Zehner hinter den beiden Stürmern. Auch hier konnte man in der Vorbereitung erkennen, dass Ilzer gerne zwei unterschiedliche Spielertypen auf dem Feld haben möchte, analog zu den Außenverteidigern. Allen voran Bazoumana Touré hat seinen ungeheuren Speed (36,24 km/h ist geteilter BL-Platz 9 mit Alphonso Davies) als Alleinstellungsmerkmal. Der junge dribbelstarke Ivorer spielt auf der linken Seite, abgesichert vom defensiveren Bernardo. Auf der Gegenseite führte bislang in Hoffenheim kein Weg an Spielgestalter Andrej Kramarić vorbei, aber was Rückkehrer Mo Damar in der Vorbereitung zeigt, ist schon richtig stark. Vielleicht ist es in diesem Jahr so weit und Andrej Kramarić wird nach und nach seinen Stammplatz verlieren. Dass der „TSGoat“ und Damar gleichzeitig auf dem Feld stehen, halte ich für ausgeschlossen. Ohne Touré fehlt der TSG-Offensive ein wichtiges Element, denn sowohl Kramarić als auch Damar sind nicht gerade für ihre Endgeschwindigkeit bekannt, zudem zieht es beide ins Zentrum. Damar hat während seiner Leihe nach Elversberg richtig viel Selbstvertrauen getankt, er ist dribbel- und kombinationsstark, schießt die Standards und gefällt durch Torgefahr aus der zweiten Reihe. Der rechte Zehner zieht im neuen System gerne mit ins Zentrum und schafft Platz für Coufal, links hält Touré die Breite. Neu mit in der Offensive ist Alexander Prass zu finden. Unter Ilzer bei Graz noch als linker Zehner im 4-2-2-2 oder linker Achter im 4-3-1-2 zu finden, ist die Zeit als Viererketten-LV endgültig vorbei. Der Österreicher spielt mit seinem linken Fuß diesmal jedoch auf der rechten Zehn, zieht ebenfalls gerne nach innen und nimmt sich bislang auch recht viele Abschlüsse. Fluch der guten Tat waren wohl tatsächlich seine EM-Auftritte als ÖFB-LV im Sommer 2024. In der Bundesliga war er auf dieser Position völlig überfordert. Weil die Nagelsmann-Zeit nun endlich abgehakt scheint und nicht mehr im 3-1-4-2 gespielt wird, braucht es Prass zudem nicht mehr als linken Schienenspieler. Gut, dass Schicker und Ilzer das so erkannt haben und ihm nun einen Neuanfang in der vorderen Reihe zugestehen. Er ist dennoch nur Einwechselspieler. Die Konkurrenz mit Kramarić, Damar und Touré ist riesig. Bambasé Conté hat man ein weiteres Jahr verliehen, diesmal nach – logisch! – Elversberg.
Der Sturm: Und auch hier ist die TSG nahezu komplett neu aufgestellt. Mit Fisnik Asllani hat neben Damar auch der zweite Elversberger Leih-Rückkehrer verlängert. Asllani hat seine Stärken nicht nur im Abschluss (18/8 G/A in der zweiten Liga), sondern lässt sich als „Neuneinhalber“ gerne fallen, besetzt den vakanten zentralen Zehnerraum im 4-2-2-2 und kombiniert mit Buddy Damar. Dieses spielerische Element öffnet wiederum Räume für den zweiten Stürmer. Hier hat Ilzer mit Gift Orban, Tim Lemperle, Max Moerstedt, David Mokwa und Ihlas Bebou die Qual der Wahl. Zudem verpasste Adam Hložek die gesamte Vorbereitung und wird erst im Laufe der Hinrunde zur Option werden. Währen Orban nach Anlaufschwierigkeiten im Winter nun auch mannschaftlich voll angekommen zu sein scheint, überzeugt Lemperle auf ganzer Linie. Wie konsequent er tief geht, welches Auge er für den (vor)letzten Pass und welche Qualität er im Abschluss hat, ist wirklich schön zu sehen. Gott sei Dank, dass man hier die Rogon-Connection nochmal zu nutzen wusste (hust!). Youngster Moerstedt wird bewusst nicht verliehen und soll in Hoffenheim den nächsten Schritt gehen. Mokwa wiederum soll noch verliehen werden und Bebou steht für mich sogar auf der Streichliste. Ob er nach seinen anhaltenden Knieproblemen und im letzten Vertragsjahr überhaupt einen Markt hat, wage ich aber zu bezweifeln. Eine Chance auf Einsätze hat er meiner Einschätzung nach in Hoffenheim kaum. Mit Asllani, Orban, Lemperle und Moerstedt hat man vier verschiedene Stürmertypen, die in unterschiedlichen Konstellationen miteinander spielen können. Am liebsten würde ich die Kombination Asllani/Orban sehen wollen, aufgrund seiner Form in der Vorbereitung sehe ich allerdings Lemperle als erste Option neben Asllani. Moerstedt bietet ein ähnliches Profil wie Asllani, hat zudem körperlich draufgepackt. Er wird dennoch erstmal über die Jokerrolle kommen, nehme ich an. Kommt Hložek zurück in die Verlosung, wird es aber eng da vorne. Neuzugang und Top-Talent Deniz Zeitler ist für die U23 geplant, Erencan Yardimci soll in Braunschweig auf viel Spielzeit kommen. Seine vorzeitige Leihrückkehr im Winter 2025 bezeichnete Schicker im BlackFM-Podcast bereits rückblickend als Fehler. Es bleibt spannend bei der TSG, auch in der vordersten Reihe.
3) Die Einschätzung
Die TSG ist eine absolute Wundertüte. Schaut man auf die voraussichtliche Startelf (Baumann – Coufal, Chaves, Machida, Bernardo – Avdullahu, Burger – Kramarić, Touré – Lemperle, Asllani) sind nur Baumann, Chaves, Kramarić und Touré aus der vergangenen Saison übrig. Spielt Damar direkt anstelle von Kramarić, ist sogar Baumann der einzige, der bereits vor der Saison 2024/25 in Hoffenheim war. Denn Touré war zu Saisonbeginn im Vorjahr noch in Schweden unterwegs, Chaves spielt erst sein zweites Jahr in der Bundesliga. Insgesamt sind sechs externe Neuzugänge (Coufal, Machida, Bernardo, Avdullahu, Burger, Lemperle), drei Leihrückkehrer (Drexler, Damar, Asllani) und drei Jugendspieler (Behrens, Mokwa, Moerstedt) im Kader. Auf dem Papier hat Andreas Schicker in der Kaderplanung richtig viel, richtig gut gemacht: Die Neuzugänge waren früh da, konnten bis auf Coufal das intensive Trainingslager mitmachen und Schicker erwirtschaftete dabei sogar ein Transferplus in seinem ersten Sommer. Zudem wurde das neue System eingeführt und der Kader entsprechend on-the-fly angepasst. Ungewollte Spieler ist man zwar nicht ganz los, hat Spielern wie Szalai, Nsoki oder Tabaković aber die Möglichkeit gegeben, sich bei ihren Leihvereinen für neue Aufgaben nach der Saison in anderen Clubs zu empfehlen. Ob man die Aussortierten Grillitsch, Geiger und Berisha noch losbekommt, wird sich zeigen. Diese Mannschaft hat eine perfekte Vorbereitung gespielt (acht Spiele, acht Siege), muss sich trotzdem in allen Mannschaftsteilen auf Bundesliga-Niveau erst noch finden. Ob das zu Saisonbeginn schnell gelingen wird, kann man durchaus anzweifeln. Denn das Auftaktprogramm ist hammerhart: in Leverkusen, gegen Frankfurt, bei Union, gegen Bayern und in Freiburg heißen die ersten fünf Spieltage. Aber: Die TSG scheint eine neue Identität aufzubauen. Die Testspiele gegen Darmstadt, Bremen und Metz waren vielversprechend, der Ilzer-Fußball kann begeistern und die Mannschaft ist gespickt mit jungen aufregenden Spielern. Spielt sich die TSG ein und können vor allem die jungen Wilden auch in der Bundesliga zünden, darf die TSG wieder Richtung Europa schielen. Und trotzdem: alle Platzierungen im einstelligen Bereich wären ein gutes Ergebnis im ersten Jahr nach dem Mega-Umbruch. Mein Tipp: Platz 7-9.