Auch ich habe eurer Behandlung der „Causa Nmecha“ mit viel Interesse zugehört – und fühle mich nun nach den Rückmeldungen hier bemüßigt, eine weitere Perspektive dazuzulegen.
Denn wie ich aus meinem früheren geschichtswissenschaftlichen Leben und insgesamt 8 Jahre Befassung mit dem Thema „Christliche Mission“ weiß: Mit der Misson ist es alles ziemlich kompliziert und alles andere als eindimensional ![]()
Eine Dimension, die ihr mit den Aussagen eurer Gruppe sehr gut abbildet, ist die, die von der postcolonial theory in der Tradition von Edward Said („Orientalism“) geprägt wurde: Die Konstruktion des Anderen als wichtiges Element der Selbst-Bestimmung des Westens; die Verbindung von Kolonialismus mit kulturellem Imperialismus usw.
Hier kam auch die christliche Mission als ein „Agent des Westens“ in den Blick und die Werke aus dieser Theorietradition konnten den Patriarchalismus, die erzwungene Assimiliation, das Überstülpen von anderer Kultur herausarbeiten („colonization of the consciousness“ (Comaroff)).
Diese Dimension war sehr wichtig, um die zuvor vorherrschenden triumphalistischen Narrative über den westlichen Kolonialismus bzw. die providentialistischen Narrative über die westliche Mission zu brechen und andere Erzählungen dagegen zu halten. Das war tatsächlich auch eine Art „intellektueller Befreiungskampf“.
Wer hierzu mehr lesen will, dem empfehle ich die Einleitung von Jeffrey Cox, Imperial Fault Lines und seine Ausführungen zur Konkurrenz von „Providentialist Master Narrative“ und „Saidian Master Narrative“.
Mein Eindruck ist, dass dieses Said-Narrativ sehr wirkungsmächtig ist - und somit auch „Mission = böse“ zu einem Gemeinplatz geworden ist.
Allerdings haben sich auch die postcolonial theories weiterentwickelt. Der Impetus, gegen den westlichen Kolonialismus anzuschreiben, wurde ergänzt um neue Ansätze. Wissenschaftler wie Homi Bhabha haben begonnen, weniger auf das Konfrontative der kulturellen Begegnung zu schauen, sondern haben die Kontaktzonen, die wechselseitigen Beeinflussungen, die kreativen Entwicklungen in den Blick genommen. Erstaunlicherweise werden selbst in Situationen von offenbar großen Machtgefällen andere Dynamiken sichtbar - und auch eine viel stärkere agency der Nicht-westlichen Personen greifbar: sie waren nicht festgelegt darauf, sich entweder vom Westlichen überrumpeln zu lassen oder in die komplette Abwehrhaltung zu gehen, sondern es gibt ganz viel in-between: Kulturelle Neubestimmungen findet im Kontakt statt, kulturelle Prägung findet in beide Richtungen statt usw.
Ein good read zur Kritik am eindimensionalen „cultural imperialism“-Konzept mit besonderen Blick auf die christliche Mission ist Ryan Dunch, Beyond Cultural Imperialism: Cultural Theory, Christian Missions, and Global Modernity.
Dazu noch etwas anekdotische Evidenz: In meiner Stadt hat gerade das 10. neue Yoga-Studio aufgemacht - offenbar haben die Nicht-Westler den kolonialen Kulturkontakt gewonnen ![]()
Spaß beiseite - ein Gedanke, den ich hieran aber anschließen kann: Offenbar finden im Westen geborene und sozialisierte Menschen ihre spirituelle Heimat in fernöstlichen Traditionen - wir dürfen also auch annehmen, dass nicht-westliche Menschen ihre spirituelle Heimat im Christentum finden. Bitte nicht als Whataboutism verstehen - mir geht es einfach nur darum, dass Mission nicht per se eine übergriffige Aktion sein muss, sondern tatsächlich für Menschen die Brücke zur ihrer spirituellen Heimat war und ist.
Mein Eindruck ist, dass dieses Narrativ bei uns kaum sichtbar ist - entweder weil die nicht-westlichen Christen „Subalterne, die man nicht hört“ (Gayatri Spivak), sind oder weil Forschungserkenntnisse meist mehrere Jahrzehnte brauchen, bis sie in die breite Öffentlichkeit getröpfelt sind.
Warum schreibe ich so eine lange Einordnung?
Weil dies meine zentrale Erkenntnis abbildet: Man muss auf Mission multiperspektivisch schauen, sonst bekommt man nur die Aspekte in den Blick, die man durch die (bewusst oder unbewusst) aufgesetzte eigene Brille sieht.
Wenn man durch die Said-Brille schaut, sieht man vor allem kulturelle Konfrontation, Übergriffigkeit, kulturelle Ignoranz, nicht-westliche Opfer. Und dieser Blick ist wichtig, denn das ist ein Wesenselement der christlichen Mission gewesen und bis heute geblieben. Und man erkennt diese Elemente auch bei den Ballers of God wieder und kann dies als „Mission als Angriff“ entlarven.
Wenn man durch die Bhabha-Brille schaut, sieht man Verschmelzung, kulturelle Neuaufbrüche, nicht-westliche agency jenseits des Widerstands. Und dieser Blick ist wichtig, denn das ist ein Wesenselement der christlichen Mission gewesen und bis heute geblieben. Und man erkennt diese Elemente bei anderen Organisationen und kann dies als „Mission als Angebot für Suchende“ wertschätzen.
Ich bin auch deshalb hier so engaged, weil mich stört, dass Nmecha und seine Buddies die Begriffe „christlich“ und „Mission“ okkupieren - und die monodimensionale Erwiderung darauf dann genau diese Vereinnahmung noch verfestigt.
Und das verfestigt wiederum auch das Narrativ, dass man gesellschaftliche Progression gegen „die Christen“ erkämpfen muss.
Dabei können Christen und gerade auch die Kirchen in Deutschland viel öfter Verbündeter sein - und Scharnier in gesellschaftliche Schichten, die nicht zur progressiven Avantgarde gehören: schon heute positionieren sich die Kirchen vehement gegen völkischen Nationalismus, ihre Jugendverbände bespielen ganz selbstverständlich Christopher Street Days, multinationale Leitungsstrukturen entstehen ganz natürlich durch die Anwerbung von Priestern „aus der Weltkirche“, Mönche lernen im interreligiösen Austausch von buddhistischen Mönche zur Weiterentwicklung ihrer Kontemplationsformen ein usw. … man muss es nur sehen können/wollen.
Zurück zu Nmecha: „An den Früchten sollt ihr sie erkennen“ - also meine volle Unterstützung für die Ablehnung dieser „Mission hin zu reaktionären Ideologien“.
Aber das bildet nicht „die Mission“ ab. Bedenkt: Mit der Mission ist es ziemlich kompliziert und alles andere als eindimensional ![]()
